ZWECK

Ich freue mich nun schon zum 8ten Mal hier in Aachen zu sein. Es ist für mich nunmehr seit vielen Jahren eine lieb gewonnene Gewohnheit mich über die Weihnachtstage … auf dem Sofa liegend zu fragen, was ich da im Januar in Aachen bei der IDA wohl erzählen sollte… Bisher habe ich immer nur über Architektur gesprochen diesmal kommen zum ersten Mal Architektinnen und Architekten vor …korrektes Gendern hätte nach meinem Dafürhalten den Text noch komplizierter gemacht als er ohnehin schon ist. Ich habe dann in Absprache mit meinem Sohn der über Genderthemen seinen Bachelor gemacht hat entschieden Architekt und Architektin einfach abwechselnd zu verwenden also einmal Architektin und das nächste Mal Architekt zu sagen Im Ergebnis kommt die Architektin einmal öfter vor als der Architekt.

Zweck

Die Begriffe, mit denen wir uns in dieser Reihe beschäftigen, wurden von Jahr zu Jahr zunehmend komplexer.

Vielleicht ist das nur ein subjektiver Eindruck.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir im Laufe dieser Reihe gelernt haben, genauer hinzusehen.

Möglich auch, dass die Komplexität strukturell zunimmt,

weil sich die Fragen, die wir stellen,

allmählich von den Dingen selbst lösen und stärker auf ihre Voraussetzungen zielen.

Denn es sind ja keine beliebigen Begriffe, mit denen wir es hier zu tun haben.

Konstruktion, Material, Funktion, Ort, Zeit, Form, Raum –

All diese Begriffe lassen sich beschreiben, analysieren, systematisieren.

Man kann vor allem über sie sprechen,

ohne sich selbst allzu sehr ins Spiel zu bringen.

Das ist ganz bequem.

Beim Begriff des Zwecks ist das anders.

Wer über Zweck spricht, spricht nicht nur über Dinge,

sondern über Gründe.

Nicht nur über Formen,

sondern über Rechtfertigungen.

Nicht nur über Bauen,

sondern über die Bedingungen seines Entstehens –

und damit unausweichlich auch über die Bedingungen des eigenen Handelns.

Denn der Zweck ist nicht etwas, das den Dingen äußerlich hinzugefügt wird.

Er ist nichts was man einem Gebäude nachträglich zuschreibt.

Der Zweck fragt nach dem Warum eines Tuns,

nach dem Grund, aus dem heraus etwas überhaupt in die Welt kommt.

Zweck ist deshalb kein neutraler Begriff.

Zweck ist ein Begriff, der Forderungen aufstellt.

Er verlangt Begründungen,

Er fordert Stellungnahmen,

Er lässt keine Ausflüchte zu.

Wer sich auf den Zweck beruft, kann sich nicht hinter Verfahren…  Normen oder Funktionen verstecken.

Der Zweck zwingt dazu, Verantwortung zu übernehmen –

nicht nur für das Resultat, sondern für den Entschluss selbst,

überhaupt etwas zu tun.

Und vermutlich ist genau das der Grund, warum man beim Nachdenken über Zweck in besonderer Weise auf sich selbst zurückgeworfen ist.

Man liest . .  man studiert . .  man hört. . . was andere gesagt haben.

Und je mehr man zu wissen glaubt, desto vorsichtiger wird man.

Denn Zweckfragen lassen sich nicht delegieren.

Sie lassen sich nicht abschließend klären.

Sie bleiben immer auch sehr persönliche Fragen

Auch das ist ein Hinweis darauf, dass wir es hier nicht mit einem technischen Problem zu tun haben,

sondern mit einer philosophischen Zumutung.

In seinem berühmten Buch „Der Stil“ behandelt Semper Gefäße – Krüge – und zwar nicht isoliert nach Form oder Material, sondern im Zusammenhang von Zweckbestimmung,

Material, Technik und Form.

Entscheidend ist dabei, dass Semper nicht von Funktion spricht,

sondern eben von zwecklicher Bestimmung.

Das ist kein Zufall.

Zweck meint bei Semper nicht das, was ein Objekt leistet,

sondern das, was es begründet.

Der Zweck ist kein äußerer Zusatz,

sondern der innere Grund des Dinges.

Auch der althochdeutsche Begriff Behuf zeigt das deutlich:

Behuf meint Bestimmung, nicht Nutzung.

Wenn man Zweck als Bestimmung versteht, wird klar:

Der Zweck ist nicht identisch mit der Funktion.

Zweck ist Bestimmung

Der Zweck ist eine Urkausalität 

Der Zweck ist das, weshalb etwas überhaupt in die Welt kommt.

Die Unterscheidung zwischen Zweck und Funktion ist in diesem Zusammenhang ebenso eindeutig wie schwierig.

Funktion beschreibt, wie etwas funktioniert.

Die Funktion beantwortet Fragen der Ausführung,

Zweck hingegen beschreibt, wofür etwas da ist.

Er beantwortet Fragen der Begründung,

Funktion ist operativ.

Zweck ist grundlegend.

Funktion fragt nach dem Wie.

Zweck fragt nach dem Warum.

Und doch – seien wir ehrlich – wer von uns kann diese Unterscheidung im architektonischen Alltag wirklich sauber durchhalten?

Ich jedenfalls nicht.

Denn in der Praxis verschränken sich Zweck und Funktion permanent.

Was als Zweck beginnt, wird schnell funktional übersetzt.

Was funktional begründet wird, erhält den Anschein von Zweckmäßigkeit.

Programme werden zu Zwecken erklärt,

Zwecke werden funktionalisiert,

Funktionen werden argumentativ aufgeladen.

Gerade darin liegt die Schwierigkeit des Zweckbegriffs:

Er ist ständig in Gefahr, vereinnahmt zu werden –

entweder durch technische Notwendigkeiten,

durch ökonomische Zwänge oder durch moralische Kurzschlüsse.

Gerade deshalb entzieht sich der Zweck der begrifflichen Fixierung.

Er lässt sich nicht eindeutig festschreiben, nicht abschließend definieren.

Sobald man glaubt, ihn eindeutig gefasst zu haben, ist er bereits in etwas anderes überführt worden.

Der Zweck bleibt deshalb ein unbequemer Begriff.

Aber vielleicht ist gerade diese Unbequemlichkeit seine eigentliche Stärke.

Denn sie zwingt uns, immer wieder neu zu fragen,

warum wir tun, was wir tun –

und ob wir bereit sind, dafür Verantwortung zu übernehmen.

Wenn Zweck also eine Urkausalität ist, dann stellt sich eine einfache, aber weitreichende Frage:

Was ist die Urkausalität der Architektur?

Oder anders gesagt:

Warum gibt es Architektur überhaupt?

Was ist der Zweck der Architektur?

Mit Martin Heidegger ließe sich antworten: Wohnen.

Der Zweck des Bauens ist das Behausen des Menschen, das Bereitstellen von Wohnen. . . . Sagt Heidegger

In einem erweiterten Sinne meint Wohnen bei Heidegger die Art und Weise, in der wir Menschen überhaupt auf der Erde sind.

Diese Antwort ist überzeugend.

Aber sie ist nicht vollständig.

Denn Heidegger spricht vom Bauen, nicht von Architektur.

Und genau hier beginnt eine Verschiebung, die für unser Thema entscheidend ist.

Wir haben hier lange so getan, als seien Bauen und Architektur dasselbe.

Vielleicht aus guten Gründen.

Vielleicht auch, weil diese Unterscheidung unbequem ist.

Aber sie ist unvermeidlich.

Nicht alles Gebaute ist Architektur.

Darüber herrscht normalerweise weitgehend Einigkeit.

Nicht mehr ganz so selbstverständlich ist jedoch,

dass auch nicht alle Architektur gebaut ist.

Das heißt: Es gibt nicht gebaute Architektur.

Man denke an das Haus am Gleisdreieck von Ludwig Mies van der Rohe – nie realisiert, nicht gebaut, und dennoch wirksam.

Zweifellos ist das Architektur.

Es ist ebenso offenkundig, dass auch gelten muss:

Alles Gebaute ist gebaut.

Diese drei Sätze lassen sich aber nicht widerspruchsfrei zusammendenken:

·       Nicht alles Gebaute ist Architektur.

·       Nicht alle Architektur ist gebaut.

·       Alles Gebaute ist gebaut.

Wir müssen also eine Unterscheidung einführen.

Systematisch muss es Gebautes geben, das keine Architektur ist.

Die Frage lautet:

Worin besteht diese Unterscheidung?

Für mich ist die Antwort überraschend einfach:

Architektur ist Bauen, das über sich selbst nachdenkt.

Dieser Satz ist keine Metapher.

Er ist eine ontologische Bestimmung.

Bauen ist ein physischer Vorgang.

Ein Tun. Ein Herstellen. Ein Vollzug.

Nachdenken ist kein physischer Vorgang.

Ein Bauwerk kann nicht denken.

Aber das Denken kann sich im Bauwerk zeigen.

Architektur ist Bauen, das über sich selbst nachdenkt.

Architektur entsteht dort,

wo sich im Bauen das Denken über das Bauen selbst offenbart.

Wo im Bauen die eigenen Voraussetzungen aufscheinen.

Wo Entscheidungen als Entscheidungen erkennbar werden.

Wo Notwendigkeit nicht nur behauptet, sondern ausgelegt wird.

Architektur ist kein Objekt.

Architektur ist das Ergebnis dieser Selbstbefragung des Bauens.

Aber wenn Bauen selbst nicht denken kann,

dann muss jemand dieses Denken übernehmen.

Und hier kommen wir zu den Architektinnen und Architekten

Der Architekt ist nicht nur der, der baut.

Er ist der, der das Bauen reflektiert, während es geschieht.

Der Zweck des Bauens mag das Wohnen sein.

Der Zweck der Architektin ist das Nachdenken über das Bauen.

Erst dadurch wird aus Bauen Architektur.

Und erst dadurch wird aus einem Bauenden ein Architekt.

Die Architektin ist keine souveräne Urheberin.

Sie ist Trägerin einer Reflexion, die sie übersteigt.

Architektur geschieht durch sie, aber sie gehört ihr nicht.

Wenn Architektur durch denkendes Bauen konstituiert wird, dann ist sie notwendig öffentlich – selbst wenn das Gebäude privat ist.

 Denn Nachdenken über das Bauen ist immer Nachdenken über unsere gemeinsamen Bedingungen des Aufenthalts in der Welt.

Der Architekt bedient nicht bloß Bedürfnisse.

Er macht die Bedingungen sichtbar.

Er fragt nicht nur, wie gebaut wird, sondern warum überhaupt so gebaut wird – und nicht anders.

Diese Warum-Frage lässt sich nicht abschließen.

Sie muss sich im Bauwerk zeigen.

Ohne sie kippt Architektur zurück ins bloße Bauen.

Der Zweck ist daher nicht das, was Architektur festlegt.

Der Zweck ist das, was sie offenhält.

Der Zweck ist kein Ziel.

Er ist ein Anfang.

Der Zweck ist eine Urkausalität.

Er zwingt zur Wiederholung des Denkens,

zur permanenten Selbstbefragung im Bauen.

Ohne diesen Zweck gäbe es vielleicht Gebäude – aber keine Architektur.

Es kann also nicht um den Zweck der Architektur gehen.

Es geht um den Zweck der Architektinnen und Architekten.

Die Bestimmung des Bauens ist das Wohnen.

Die Bestimmung der Architektin ist das Denken.

Idealerweise: bauend zu denken.

Architektur dient dem Behausen

genauso wie das Gebaute, das keine Architektur ist.

Die Architektur selbst ist dem Zweck gegenüber möglicherweise indifferent Die Architektur  interessiert sich nicht für den Zweck

Denn der Zweck konstituiert nicht die Architektur.

Konstruktion, Funktion und Ort mögen Architektur konstituieren –

der Zweck aber konstituiert den Architekten selbst.

Architektur denkt nicht, sie lässt denken.

Sie lässt das Bauen geschehen – in der Form und Person der Architektin.

Ohne dieses Denken keine Architektur.

Architektur lässt sich so als eine Art Gedächtnis verstehen:

als Gedächtnis des Bauens im Bauwerk.

Ohne dieses Gedächtnis gibt es Gebäude.

Mit diesem Gedächtnis gibt es Architektur.

So gesehen ist nicht entscheidend, ob Architektur einen Zweck hat,

sondern dass der Architekt einen Zweck hat.

Und dieser Zweck ist das Reflektieren über das Bauen.

Der Zweck ist nur insofern konstitutiv für Architektur,

als er besondere Anforderungen an die Architektin stellt.

So gesehen ist der Zweck vielleicht der erste Begriff hier in Aachen,

der primär im Hinblick auf den Architekten und die Architektin zu denken ist.

Man könnte diese Überlegung natürlich auch auf die anderen Begriffe übertragen.

Vielleicht ist das der Beginn einer neuen Reihe:

Was ist konstitutiv für die Architektinnen und Architekten?

Der Zweck ist es auf jeden Fall.

Das ist zumindest für mich ein schönes, unerwartetes Ergebnis dieser Reihe.

Und ich freue mich, Teil davon gewesen zu sein.

Vielen Dank

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