"Wallenstein" Alfred Döblin 1920
Alfred Döblins Wallenstein ist ein außerordentlich dickes Buch. Man muss wissen: Ich mag dicke Bücher. Das hat mit meiner Legasthenie zu tun: Ich lese langsam, lesen ist für mich anstrengend, und wenn ich mich durch die ersten 200 Seiten eines Buchs durchgekämpft habe, mich endlich an alles gewöhnt habe, bin ich frustriert, wenn es schon 40 Seiten später zu Ende ist. So lese ich notgedrungen nicht sehr viel, und auch deshalb bevorzuge ich Bücher, die einen "Zusatznutzen" haben, beispielsweise der Allgemeinbildung dienen, indem sie historische Ereignisse oder Personen behandeln. Schon deshalb ist Döblins Wallenstein ein besonders vielversprechendes Buch: sehr umfangreich, historischer Stoff, berühmter Autor.
Ein Schlachtengemälde aus dem 30-jährigen Krieg, die Hauptfiguren Kaiser Ferdinand II und sein Oberbefehlshaber Wallenstein. Die Erzählung flirrend, bisweilen von geradezu unerträglicher Intensität, da gibt Abschnitte, die ich auch beim zweiten Lesen ihrer grauenerregenden Details wegen nur überflogen habe. Die handelnden Personen plastisch, der 30-jährige Krieg ein Ereignis, das uns fast gegenwärtig zu sein scheint. Das alles kann man mögen oder nicht mögen, es erklärt aber noch lange nicht, warum mich das Buch so beeindruckt.
Hat es etwas mit Architektur zu tun? Nein, aber Döblins Verhältnis zur Historie erscheint mir als Architekten bei etwas genauerer Betrachtung außerordentlich interessant.
Was sich wie ein historischer Roman, eine Art literarisierte Geschichtsschreibung liest, ist in Wirklichkeit ein Epos, das um die historischen Fakten wissend, ja sie integrierend, tatsächlich weit davon weg führt. Ein Werk, das sich je weiter fortschreitend, desto mehr autonom von den geschichtlichen Ereignissen entwickelt.
Erst nach und nach wird klar, dass Döblin uns gar keine geschichtlich getreue Erzählung bietet und bieten will. Es geht ihm nicht um reine Historie, allerdings: Bei seinem Roman handelt sich auch nicht um reine Dichtung. Der Autor wählt eine Vorgehensweise im Umgang mit der Geschichte, die den Rahmen der Fiktionalität ebenso wie den der historischen Authentizität sprengt. Er verwendet Überliefertes, mischt es mit Erfundenem, er sucht aus und lässt weg. Der Roman stellt so über sich selbst hinausweisend die Frage nach dem Unterschied zwischen Dichtung und Historie und positioniert sich in einem künstlerischen Feld, das zwischen den beiden scheinbaren Gegensätzen liegt.
Nicht um die historische Wahrheit ist es Döblin zu tun, nicht um eine reine dichterische Fiktion, sondern um die Erfindung eines Dritten, das sich oszillierend zwischen diesen Welten bewegt, keiner ganz angehört und über beide hinausgeht.
Dabei geht es gar nicht um die große Abweichung: Unter den 650 Personen, die das Register ausweist, ist nur eine einzige erfunden, so als wäre sie als Exempel für den „poetischen Mehrwert“ des Romans angetreten so als wollte Döblin zeigen dass auch die reine Erfindung möglich gewesen wäre. Anscheinend geht dem Autor die Geschichte zu nahe, als dass er sie ohne subjektive Einsprengsel wiedergeben könnte. Döblin hat offenbar eine sehr große Menge an Quellen gesichtet. Allerdings schreibt er dazu im Nachwort: "Ich las die Bücher wie die Flamme das Holz liest." Also die geschichtlichen Fakten aufnehmend und dabei zugleich überformend, letztlich zerstörend.
„Wo endet die Interpretation und wo beginnt die Dichtung?“ Natürlich ist diese Frage ganz zentral für jeden literarischen Umgang mit Geschichte. Auch der Historiker muss auswählen, was er erzählt bzw. weglässt, und prägt damit subjektiv seine Darstellung der Ereignisse. Dennoch ist Schillers Wallensteintrilogie klar als Dichtung erkennbar und Golo Manns Biographie des Feldherrn als die Arbeit eines Historikers. Döblin verortet sich auf eigenartige Weise zwischen den Genres. indem er deren scheinbar gesicherte Grenzen verschwimmen lässt.
Nicht was uns von den Ereignissen distanziert und diese ins Abstrakte hebt, sondern was Nähe und Anschauung ermöglicht, ist ihm willkommen. Nicht um Objektivität ist es ihm zu tun, sondern – darin ganz Expressionist – um subjektive Intensität. Sein Roman breitet ein unlösbar dichtes Gewebe aus erzählerischem Ausdruck und Historie aus. Döblin selbst erklärt den Unterschied zwischen dem Eigenen und dem Fremden im Zusammenhang mit seinem „Wallenstein“ für unerheblich: "Man meint: ich hätte beschlossen abzuschreiben? Nein, es war für mich zurechtgestellt, ich hatte Glück, daß ich es fand, darauf stieß."
Ich vermute, dass wir Architekten viel mehr von Döblin haben als wir zugeben (dürfen). Unsere Helden im Umgang mit alter Substanz wie Hans Döllgast oder auch Carlo Scarpa selbst ein Karl Josef Schattner neigen viel eher zu Döblin als zu Mann. Und dennoch:In der Charta von Venedig haben wir festgelegt, wie mit historischen Beständen umzugehen sei: substanzerhaltend, reversibel ablesbar... Diese Glaubenswahrheit wird seither nicht in Frage gestellt, kann de facto ernsthafterweise nicht in Frage gestellt werden.
Döblins Roman zeigt uns, dass noch ein anderer Umgang mit Geschichte denkbar ist. Sage keiner, bei einem Roman sei das nicht so schlimm oder nicht zerstörerisch. Döblin hat zumindest mein Bild vom 30-jährigen Krieg so stark geprägt, dass ein Golo Mann, dessen Wallenstein ich danach gelesen habe, nicht mehr dagegen ankam. Durch ihn bin ich für so etwas wie historische Wahrheit in Hinblick auf den 30 jährigen Krieg - wenn es sie denn gäbe - verloren. Nicht aber für das gefühlsmäßige Nacherleben, das immer Teil dieser Wahrheit ist.