Sisyphos und die Vögel

02.01.2026

Eigentlich wäre fast schöner es hiesse Sisyphos und die Kraniche, um mit ein bisschen Bildungsbürgertum auch noch Friedrich von Schiller dabei zu haben…  aber Kraniche fliegen zwar in grossen Formationen bilden aber nicht die Schwärme, von denen hier die Rede sein soll,

Dabei kennen wir alle die Geschichte von Sisyphos.

Die Strafe.

Den Berg.

Den Stein.

Die Qual

Wir kennen Sisyphos der von Zeus verurteilt diesen Felsblock immer wieder den Hügel hinauf rollen muss.

Fast oben angekommen verliert Sisyphos, durch einen göttlichen Eingriff … wie es heisst für einen Moment die Kontrolle über den Fels und der Stein rollt wieder hinab in die Ebene

und alles beginnt von vorne… 

Entscheidend ist dabei nicht die Anstrengung.

Entscheidend ist nicht der Weg

Entscheidend ist der Moment des Kontrollverlustes.

ohne Kontrollverlust keine Wiederholung … ohne Wiederholung kein Mythos.

Erst der Kontrollverlust macht Sisyphos zum Inbegriff der Absurdität.

Aber Absurdität meint eben nicht Sinnlosigkeit.

Absurdität beschreibt ein Missverhältnis:

Ein Missverhältnis zwischen unserem Wunsch nach Sinn und einer Welt, die keinen eindeutigen Sinn bereitstellt.

Nicht die Welt ist sinnlos, sondern sie antwortet nicht auf unsere Fragen…

zumindest nicht In der Art wie wir uns das erhoffen

Albert Camus beschreibt diese Absurdität und ihre Folgen in seinem berühmten Essay der „Mythos des Sisyphos“

Nach Camus entsteht das Absurde aus dem Zusammenstoß des Irrationalen mit dem menschlichen Verlangen nach Klarheit.

Es geht also nicht um Chaos

Es geht um Entfremdung:

Entfremdung zwischen dem Handelndem und dem Rahmen,

Entfremdung zwischen Erwartung und Erleben…

Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte war es die Aufgabe der Religion diese Entfremdung zu überbrücken.

Gott war dafür zuständig dieses Gefühl der Absurdität zu beenden und uns einen Sinn zu versprechen…

Aber der Preis dafür ist hoch . . .

wir müssen nämlich im Gegenzug an diesen Gott glauben

..uns binden … unterordnen

Camus’ entscheidender Schritt besteht nun darin,

diesen Ausweg zu verweigern.

Der Sinn kommt nicht von außen.

Er kann nicht delegiert werden.

Er muss vom Individuum selbst hervorgebracht werden.

Und in der Tat es gibt eine ganze Reihe von literarischen Experimenten wie denn die Qual die Absurdität des Sisyphos zu enden sei…

durch Abnutzung des Steins

oder Abnutzung des Berges, der immer mehr zur Ebene wird

oder dadurch, dass der Stein eben doch oben auf dem Berg einmal liegen bleibt

oder auch dass Sisyphos einfach aufhört ihn zu rollen …

Aber all diese Lösungen umgehen das Entscheidende.

Ohne Kontrollverlust kein Rollen…

Der Kontrollverlust ist das entscheidende Moment .

Erst im Augenblick des Kontrollverlustes wird der Stein leicht – nicht, weil er nichts mehr wiegt, sondern weil er uns nicht mehr gehört … uns entgleitend beginnt er zu leben … er rollt sich überschlagend in wilden Figuren den Berg hinunter und vollführt dabei Dinge, die wir nicht vorhergesehen haben.

So ist der Kontrollverlust kein Scheitern

Der Kontrollverlust ist die Bedingung dafür, dass etwas Neues entsteht ..

Der hinabrollende Stein ist wie eine Idee, wie ein fertiges Werk, das sich von seinem Urheber löst um ein eigenes Leben zu beginnen.

Was wäre, wenn Sisyphos beginnt zu dokumentieren, statt zu hoffen, dass es endet?

Was wenn er notiert, wie oft er den Stein bergauf gerollt hat.

Wenn er sie beschreibt, die Hoffnung auf den Triumph kurz vor dem Kontrollverlust

wenn er sie dokumentierte … die Arabesquen des Steines beim Hinunterrollen.

Man könnte das alles aufschreiben… und wenn man das alles aufgeschrieben hat,  

…dann entsteht kein Roman …

es entsteht kein Tagebuch

Dann entsteht ein Werkverzeichnis

Es entsteht ein Werkverzeichnis das nicht nur die Werke zählt, sondern vor allem die Versuche

Es Produziert weniger eine Ordnung … es legt mehr eine Spur

Jeder einzelne Vorgang des Rollens … so beschwerlich er sein mag… 

führt zu einem in sich abgeschlossenen Gedanken …

zu einer Idee

zu einem Werk, das durch den göttlichen Eingriff und dem damit verbundenen Kontrollverlust einem Vogel gleich entflieht

… entflieht und ein Eigenleben beginnt.

Ein Werkverzeichnis ist eine Dokumentation der Arbeit, und der Anstrengung,

Aber die Werke entstehen genau dort, wo die Kontrolle endet.

Die Werke verhalten sich nicht wie streng geordnete Reihen.

Sie verhalten sich wie ein Vogelschwarm

ein Vogelschwarm der, um in den Süden zu fliegen sich sammelnd

sich windend und biegend am Herbsthimmel abzeichnet.

Alle Vögel gemeinsam irgendwie geheimnisvoll zusammenhaltend…

die Lücken zwischen ihnen wahrend

aus all den frei gewordenen Gedanken eine grosse Figur formend,

Die in dem Moment in dem man etwas zu erkennen, glaubt, sich wandelt und verschiebt …

eine andere Form annimmt.

Kein Zentrum…

Keine Hierarchie…

Und doch entsteht eine Ordnung.

Temporär …

Beweglich …

Nie endgültig

Die Ordnung ist sichtbar … aber nicht fixierbar.

Kein einzelner Vogel kennt die Figur – und doch entsteht sie.

Die Ordnung liegt nicht im Einzelnen, sie liegt in den Vielen.

Wenn wir meinen etwas zu erkennen, ist es immer schon vergangen.

Es ist genau diese Mischung aus Kontrolle und Ordnung die sich stets neu formend unserer Kontrolle entzieht immer neue Formen … immer neue Ordnungen annehmend

Ein Werkverzeichnis wie das vorliegende ist so gesehen nicht eine statische Aufzählung, sondern ein Dynamisches Archiv

Es dokumentiert vor allem die Entwicklung dessen, dessen Werk verzeichnet wird.

wir nehmen teil an Veränderungen und Richtungswechseln …

an Formierungen, …  Entwicklungen und Etappen.

Wir sehen Brüche und Kontinuitäten.

Und genau dadurch wird das Werkverzeichnis seinerseits zu einem Werk.

Das Werkverzeichnis ordnet weniger die Werke … als viel mehr den Blick auf sie…

Es ist ein Werk, das versucht einen Überblick zu geben

Einen Überblick, der wie bei dem Vogelschwarm sich stets bewegend formt und verändert …

der eine Ordnung bildet, die aufscheint

eine Ordnung die erscheint …

aber die man nicht versteht.

Das Werk lädt ein zum Spekulieren und Sinnieren

Es lädt ein zur Beschäftigung mit dem Missverhältnis zwischen dem, was wir erwarten und dem was wir erleben.

Es stellt diesem Missverhältnis eine vermittelnde Instanz gegenüber…

Eine Werkdeutung … eine Handreichung, die uns helfen soll, die Lücke zwischen den einzelnen Vögeln zu überbrücken.

Das Werk.

Das Werkverzeichnis.

Die Person.

Diese drei sind hier nicht trennbar.

Sie bilden eine Einheit.

Aber keine abgeschlossene

Natürlich ist das Werk nicht abgeschlossen – es hält nur kurz still.

Ordnung ist auch kein Zustand, sondern ein vorübergehendes Gleichgewicht.

Abgeschlossen ist nur, was nicht mehr fliegt

Denn jederzeit kann ein weiteres Werk hinzukommen

wie ein weiterer Vogel im Schwarm

ohne dass die Figur verschwindet.

Was bleibt,

ist die fortgesetzte Suche nach Ordnung

in einer Welt, die Ordnung eben nicht garantiert.

Man sieht wie Sisyphos oben steht…  auf am Berg

Wie er versucht im Flug der Werke

für einen Moment eine Ordnung zu erkennen.

Dass sie sich entzieht, macht sie nicht sinnlos

Sondern genau darin zeigt sich der Sinn

Nicht zuletzt, deshalb glaubt Camus, dass Sisyphos nicht unglücklich sei…

Und genau deshalb sollte man sich Uwe Schröder als glücklichen Architekten vorstellen …

Vielen Dank