Dieser Text in in „die Architekt“ Nr 4/2025 in dem Heft „Japan“ erschienen und in Zusammenarbeit mit Lotte Schlör entstanden
„Eine Kopie ist kein Betrug, ein Faksimile keine Fälschung, ein Abguss kein Verbrechen und eine Rekonstruktion keine Lüge. Über Jahrhunderte basierte die Ausbildung von Künstlern und Architekten auf dem Kopieren von Mustern und Vorlagen und die Entwicklung von Kunst und Architektur vollzog sich über Nachahmung, Anpassung, Zitat und Wiederholung.“
Winfried Nerdinger Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte Prestel Verlag 2010
Eine Begegnung mit dem Dresdner Zwinger kann nicht nur in Dresden stattfinden, sondern auch in Japan. In Arita, einer Kleinstadt auf Kyūshū, der südwestlichsten Hauptinsel Japans, steht eine erstaunliche Nachbildung des berühmten Bauwerks. Auf einer abgelegenen Anhöhe in der Präfektur Saga, umgeben von einer hügeligen, bewaldeten Landschaft, erhebt sich der sogenannte Zwinger von Arita. Die etwas verkleinerte Replik des Barockbaus ist auf das Kronentor mit die beiden Langgalerien mit den angrenzenden Pavillons begrenzt, aber dennoch unverkennbar eine Kopie des Dresdener Zwingers.
Wenn wir Kopien schon nicht ganz generell als Raubkopien aburteilen, sprechen wir ihnen im Allgemeinen jegliche Authentizität ab. Dies ist uns so selbstverständlich, dass wir übersehen, dass es sich dabei um eine relativ junge und geografisch begrenzte Angewohnheit handelt. Schließlich ist das Authentische selbst eine Erfindung der europäischen Moderne wie Jörg Gleiter (Jörg Gleiter Exotisierung des Trivialen Bauelt 35, 1998 ) ausführt und spielt als normativer Begriff über die längste Zeit der Kunstgeschichte keine wesentliche Rolle.
Die japanische Sicht auf Repliken unterscheidet sich vom europäischen Verständnis wohl auch dadurch, dass die dortige Kultur eher auf Perfektionierung setzt und weniger auf eine europäische Idee von Originalität. Wo künstlerisches Schaffen eher als Verfeinerung verstanden wird, ist es durchaus möglich, die Kopie als Ansatz zur Verbesserung des Bestehenden zu würdigen.
Die Entstehungsgeschichte des Zwingers von Arita ist dementsprechend auch nicht die Geschichte eines Plagiats. Seiner Errichtung als Ausstellungsgebäude für die heimische und europäische Porzellanproduktion in den 1990er Jahren geht ein komplexer Austausch zwischen Europa und Ostasien voran, genauer gesagt zwischen den Porzellanhochburgen Meißen und Arita. Eine Art kultureller Dialog, der, beginnend im 17. Jahrhundert[mk1] , mit wechselnder Intensität bis heute andauert. Das Porzellan ist dabei unverkennbarer Teil dieser Entstehungsgeschichte.
Porzellan ist eine reinweiße, äußerst harte Keramik. Keine andere kann so dünn hergestellt werden, und keine andere ist dabei auch noch lichtdurchlässig. Die Geschichte des Materials beginnt in China, wo es – zunächst als ein natürlich vorkommendes Mineralgemisch – entdeckt und verarbeitet wurde. Jingdezhen (Jǐngdézhèn Shì) im Süden des Landes entwickelte sich zum Zentrum der Porzellanproduktion. Von dort aus gelangten die begehrten Objekte sowohl nach Japan als auch Korea.
Im Zuge der Verbreitung chinesischen Porzellans eigneten sich zunächst koreanische Töpfer das Wissen um Material und Verarbeitungstechnik an. Während der japanischen Feldzüge gegen Korea (1592–1598) wurden mehrere dieser Handwerker nach Kyūshū verschleppt, wo sie sich in der Region um Arita ansiedelten. Nachdem sie dort Ende des 16. Jahrhunderts Porzellanstein entdeckt hatten, begann ab Beginn der Edo-Zeit, ab 1616, die örtliche Porzellanproduktion.
Dies machte Arita zur Geburtsstadt des japanischen Porzellans. Anfangs orientierten sich die dortigen Produkte stark an chinesischen Vorbildern und wurden in Unterglasur-Kobaltblau bemalt – einem Stil, der im In- und Ausland sehr geschätzt war. Das Nachahmen des chinesischen Vorbilds garantierte den Eintritt in den Markt und war möglicherweise auch eine notwendige Vorstufe für ein eigenes ästhetisches Selbstverständnis. Etwa 30 Jahre später, um 1640 herum, entstanden, wieder in Arita, die ersten farbenfrohen Aufglasur-Malereien, bei denen – anders als beim Kobaltblau – das Dekor auf die bereits glasierte Ware aufgetragen wurde. Auch diese Technik kam vermutlich aus China. Doch mit diesem Schritt begann sich aus den übernommenen Traditionen eine eigene japanische Porzellanästhetik zu entwickeln.
Bereits im 16. Jahrhundert war in Europa die Nachfrage nach ostasiatischem Porzellan gestiegen. Obwohl es Versuche gab, das begehrte Luxusgut zu imitieren, blieb das Original prestigeträchtig. Mitte des 17. Jahrhunderts brach der chinesische Export infolge innerer Unruhen nahezu zusammen. Für Japan, das während der protektionistischen Edo-Periode weitgehend von der Außenwelt abgeschottet gewesen war, ergab sich dadurch die Chance, über die Niederländische Ostindien-Kompanie zum wichtigsten Porzellanlieferanten Europas zu werden.
Anfangs bevorzugten die Europäer noch die gewohnten chinesischen Motive. Viele Stücke wurden nicht nur allgemein für den Export bestimmt, sondern auf europäische Bestellungen hin spezifisch gefertigt. Die Werkstätten orientierten sich dabei an mitgelieferten Holzmodellen, europäischen Keramiken oder chinesischen Vorbildern. So entstand Ware, die dem europäischen Geschmack entsprach: reich verziert, farbenprächtig und oft symmetrisch – deutlich zu unterscheiden von den traditionellen minimalistischeren und asymmetrischen japanischen Gestaltungen in Malerei und Form. Doch bald lernten die Europäer auch das farbige japanische Porzellan und dessen ungewöhnlichere Formensprache zu schätzen.
Ab 1684 nahm China den Überseehandel wieder auf. Die Werkstätten in Jingdezhen produzierten gezielt für den europäischen Markt – nun, da sich der Geschmack gewandelt hatte, mit Dekoren, die japanischen Vorbildern nachempfunden waren. Dank günstiger Preise und großer Stückzahlen gelang es China, den Markt rasch zurückzuerobern, während sich Japan zunehmend auf den Binnenhandel konzentrierte.
Mit der Öffnung Japans in den 1850er-Jahren kehrte sich die Wirkrichtung des kulturellen Einflusses abermals um. Unternehmer in Arita begannen, Geschirr im sogenannten „Western Style“ zu importieren. Teilweise führte man auch westliches Porzellan ein und bemalte es in Arita nach japanischem Stil. Nicht nur Porzellan, sondern auch westliche Architekturformen wurden nachgeahmt. Mehr und mehr setzte man auf westliche Technologien. Japaner, die 1873 an der Weltausstellung in Wien teilgenommen hatten, brachten von dort neue Techniken mit: So fanden etwa Gipsformen und Gießverfahren den Weg nach Arita. Das Pendel schlug zurück – und diesmal waren die Japaner von den Europäern beeindruckt und begeistert.
Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass sich Einflüsse und Formen ebenso wie die davon abgeleiteten Stile von einem Entstehungsort ausgehend konzentrisch ausbreiten. Tatsächlich aber kennen solche kulturellen Prozesse meist weder ein klares Zentrum noch eine eindeutige Richtung. Im Zuge der KunstKulturgeschichte reisten bestimmte Vorstellungen quer durch Zeit und Raum. Der berühmte Kulturwissenschaftler Aby Warburg beschreibt diese Wanderungsbewegungen sehr anschaulich, wenn er vom Weiterleben der Antike in der Renaissance bis zu Moderne spricht und sich Bilderfahrzeuge vorstellt, welche Motive und Ideen über Raum, Zeit und Kulturen hinweg transportieren. Diese Vehikel lässt er sogar auf eigenhändig in Karten verzeichneten Straßen verkehren! Aus Warburgs Sicht sind das wohl keine Einbahnstraßen, man kann sich wie aber der Austausch der Ideen und Bilder im Detail erfolgt, lässt er offen. Wohl am ehesten kann man das diese Idee Phänomen mit dem auch mit dem von ihm gebrauchten Bild eines Pendels veranschaulichen.
Dieser Vorstellung folgend kann der bilaterale Austausch, der die Geschichte des Porzellans seit seiner Entstehung prägt, als ein pendelnder Dialog zwischen Asien und Europa verstanden werden. Dabei kam es nicht nur zu wechselseitigen Einflüssen auf Porzellanwaren und die darauf befindlichen Bilder. Der ideelle und reale Austausch reichte bis zu ganzen Architekturen bzw. Gebäuden.
Am Anfang der Entstehung des europäischen Porzellans stand der Wunsch, Gold herzustellen. Am Hof Augusts des Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, experimentierten Alchemisten zunächst mit der Umwandlung von Metallen. Als diese scheiterte, verlagerte sich der Fokus auf ein anderes begehrtes Material: Porzellan – das sogenannte „weiße Gold“. Die Herstellung erwies sich als äußerst schwierig. Weder in Sachsen noch im übrigen Europa war der dafür notwendige Porzellanstein zu finden, und dessen genaue Zusammensetzung blieb lange ein Rätsel.
1709 gelang am Hof Augusts des Starken schließlich die erste erfolgreiche, synthetische Herstellung von Porzellan in Europa. Das „entdeckte“ Verfahren wurde streng geheim gehalten und unter dem Begriff „Arkanum“ verschlüsselt dokumentiert. Um das exklusive Wissen zu sichern, wurden die an der Entwicklung Beteiligten sowie die Arbeiter der 1710 gegründeten Porzellanmanufaktur Meißen unter scharfer Kontrolle gehalten.
Die Dresdener „Erfindung“ des Porzellans verdankt sich so der experimentellen Analyse des in Ostasien natürlich vorkommenden Mineraliengemischs und ist so auch ein Stück Wissenschaftsgeschichte. Auf Grundlage von Analyse und Experimenten wurde das asiatische Vorbild erfolgreich kopiert.
Porzellan war nicht nur ein Luxusgut, sondern auch ein strategisches Monopol. August der Starke begann nun systematisch, Keramik aus China und Japan zu sammeln, um daraus Modelle für seine eigene Manufaktur zu gewinnen und die Qualität der Produktion zu verbessern. Die Stücke seiner Sammlung dienten dabei nicht als Gebrauchsgegenstände, sondern stellten Zeichen seines Reichtums dar.
Der Zwinger in Dresden wurde erst später zum Ausstellungsort für einen Teil dieser Sammlung, er war ursprünglich als Orangerie geplant. Die Kultivierung von Zitrusfrüchten zeugt im 18. Jahrhundert von größter Macht. Man musste es sich leisten können, im kalten Sachsen günstige Lebensbedingungen für die empfindlichen Bäume herzustellen. Im Bereich der Dresdener Festungsanlage entsteht unter Leitung des Architekten Matthäus Daniel Pöppelmann und des Bildhauers Balthasar Permoser eines der bedeutendsten Gebäude des Barock.
Nur am Rande sei angemerkt, dass der Zwinger, so wie er sich heute in Dresden präsentiert, nicht das von August dem Starken erbaute Original ist, sondern nach weitreichenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg zwischen 1945 und 1963 rekonstruiert und wiederaufgebaut wurde.
Die Idee der Orangerie und die Porzellansammlung des Dresdner Zwinger spiegeln dabei den internationalen Austausch, das europäisch-asiatische Pendel oder die Warburger Bilderfahrzeuge durch Raum, Zeit und Kulturen treffend wieder: Die Begeisterung für etwas, das andere beherrschen, und der Wunsch, es selbst zu können, sind wichtige Antriebe für Kreativität. Durch das Kopieren der Arbeiten anderer wird gelernt. Entwurf und Gegenentwurf, Replik, Weiterentwicklung und erneute Replik wechseln sich ab. Dies lässt sich allein am interkontinentalen Prozellanwettbewerb gut beobachten: Wo endet die Kopie? Wie entsteht ein eigenständiger Entwurf?
Zunächst zeigt sich die Möglichkeit der Umnutzung: Da es lange Zeit nicht möglich war, selbst Porzellan herzustellen, wurden chinesische und japanische Gebrauchsgegenstände in ihrer Funktion an europäische Bedürfnisse angepasst. So waren beispielsweise die Übertöpfe der im Zwinger aufgestellten Orangenbäumchen ursprünglich kleine chinesische Fischbassins, das Loch im Boden wurde nachträglich hineingebohrt. Dabei fällt auf: In China und Japan, wo Zitruspflanzen beheimatet sind, müssen sie nicht als Topfpflanzen in einer Orangerie stehen – das dortige Klima entspricht ihnen ohnehin. Die Objekte wurden hier in einen anderen Kontext gebracht, in dem sich ihre ursprüngliche Bedeutung und auch ihre Nutzung verändert.
Auch die Weiterarbeit an einem Objekt und dessen Vervollständigung ist eine Möglichkeit der kreativen Aneignung. Solche Vervollständigungen fanden im Sinne von Übermalungen statt. Einige japanische Porzellane wurden nach dem Import nach Europa weiterbearbeitet. Den vorhandenen Bemalungen wurden weitere Dekore hinzugefügt, um den Vorstellungen der europäischen Käufer entgegenzukommen. Ein Bildertransport Warburgs im direkten Sinn.
Die Eins-zu-eins-Kopie scheint dem europäischen Originalitätsgedanken fremd. In Meißen aber wurden zunächst zahlreiche chinesische und japanische Porzellane nachgeahmt – sowohl aus dem Bestreben heraus, dieselbe Qualität zu erreichen, als auch aus ehrlicher Bewunderung für die Ästhetik und das handwerkliche Können der ostasiatischen Vorbilder. In der Weiterentwicklung der Meißner Ästhetik folgten viele Umdeutungen. Eines der prominentesten Beispiele ist das berühmte Zwiebelmuster, das hier um 1728 entstand und später von zahlreichen anderen Manufakturen übernommen und neu interpretiert wurde. Ursprünglich basiert es auf chinesischen kobaltblauen Malereien. Im Original finden sich Chrysanthemen, Bambus, Pfirsiche und Granatäpfel. Letztere wurden später im Westen als Zwiebeln fehlinterpretiert – und gaben dem Muster seinen Namen. So entwickelte sich aus der Kopie über das Missverständnis hin zur Inspiration ein eigenständiger Stil.
Auch der Nachbau des Dresdener Zwingers in Arita leistet in allererster Linie eine Verschiebung des Kontextes, die sich aus den unterschiedlichsten Hoffnungen und Wünschen speist. Ein höfisches Gebäude inmitten einer einsamen Berglandschaft. Eine Orangerie in einem Klima, das Orangenbäumchen ganz ohne Gewächshaus wachsen lässt. Ein europäisches Ausstellungsgebäude für Porzellan am Ort der Keimzelle des japanischen Porzellans, all das ist ein äußerst komplexes und widersprüchliches Spiel aus Andeutungen und Zeichen, das den Beziehungsreichtum zwischen Japan und Europa, Arita und Meißen auf unterschiedlichen Ebenen widerspiegelt.
Historisch hängt die Entstehung des Zwingers von Arita eng mit der Annäherung der DDR an Japan und der daraus entstandenen Städtepartnerschaft zwischen Arita und Meißen zusammen. Als 1970 eine Delegation aus Arita die Porzellanmanufaktur Meißen und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden besuchte, entdeckte sie in den Depots zahlreiche japanische Originale. Eine Auswahl dieser Stücke wurde 1975 im Rahmen der Wanderausstellung „Ko-Imari: Rückkehr nach Hause“ in Japan gezeigt. Auch das eine Wanderung von Formen und Bildern zurück zu einem angenommenen Ursprung.
Als in den 1980er in Arita der Wunsch nach einem repräsentativen Ausstellungsgebäude entstand, reiste eine japanische Delegation in die DDR, vermutlich bereits mit dem Ziel, Baupläne des Zwingers zu importieren. Wirklich konkret wurde das Projekt jedoch erst nach dem Mauerfall: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden stimmten dem Nachbau zu, unter der Bedingung, dass Arita eine Spende zum Erhalt des Original-Zwingers leistete. Ob und in welcher Höhe hier wirklich Geld geflossen ist, lässt sich kaum klären. 1993 wurde der Zwinger von Arita offiziell eingeweiht. In Dresden stieß diese Nachricht nicht nur auf Zustimmung. Dass die Stadt selbst an der „Kopie“ beteiligt war, rief in Teilen der Öffentlichkeit Unverständnis hervor. Aus japanischer Sicht war die Replik jedoch ein Zeichen der Bewunderung und Wertschätzung für das sächsische „Porzellanschloss“. Ihr entsprang der Wunsch, die eigene Geschichte des Porzellans mit einem solch repräsentativen Ort zu verbinden.
Die Zwinger-Nachbildung ist das Herzstück des „Arita Porcelain Park“, einem Themenpark, von denen es in Japan sehr viele gibt – Ende der 1990er sollen es bis 130 gewesen sein. Anders als die ebenfalls im Land vertretenen Disneyparks bilden sie häufig reale Situationen oder zumindest Kombinationen verschiedener realer Situationen nach. In unmittelbarer Nähe des Zwingers von Arita finden sich daher weitere Gebäude, vor allem Fachwerkhäuser, die an deutsche Dörfer erinnern sollen. Als Sehenswürdigkeit florierte der Arita Porcelain Park allerdings nur für kurze Zeit. Die große Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit in den Sommermonaten hielten Besucher fern. Bereits nach wenigen Jahren war der Themenpark insolvent. Heute sind große Teile aufgelassen, [mk2] das Museum geschlossen. Das Ensemble wird von der Sake-Brauerei Munemasa betrieben, ist nur noch teilweise öffentlich zugänglich.
Die Atmosphäre erinnert eher an einen verlassenen Jahrmarkt, denn an ein lebendiges Kulturzentrum. Sowohl die Fachwerkhäuser als auch der Zwinger selbst zeigen deutliche Spuren der Zeit, die Farbe bröckelt an vielen Stellen. Von Weitem wirkt das barocke Ensemble eindrucksvoll, doch bei näherer Betrachtung sind die Spuren von Verfall und Vernachlässigung nicht zu übersehen. Der Park, einst ein ambitioniertes Projekt, wirkt heute wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, die zunehmend in Vergessenheit gerät.
Wie die allermeisten Kopien und Rekonstruktionen unterscheidet sich der Zwinger von Arita doch recht deutlich von seinem Dresdener Vorbild. Die realisierten Bauteile – Kronentor und die Langgalerie – umgibt ein barock anmutender Garten, im Land der elaborierten asymmetrischen Gärten verstärkt das den surrealen Eindruck. Wohl alles ist im Maßstab etwas kleiner als das Original, so hat die Porzellangalerie auch nur sieben Achsen statt neun. Die allgegenwärtigen Baluster sind rund statt eckig und auch Permosers grandios bewegter Figurenschmuck ist arg reduziert. Eine genaue Untersuchung könnte vermutlich mehr Abweichungen als Übereinstimmungen feststellen. So ist der Zwinger von Arita keine echte Verfeinerung des Dresdener Originals, eher eine Art Neuerfindung in Anlehnung daran. Errichtet wurde er in einer Art Mischbauweise, die viele verschiedene Materialen von Blech über Beton bis zu einer Art Fiberglaskonstruktion kombiniert. Risse in den Figuren weisen darauf hin, dass viele Elemente hohl zu sein scheinen, eher eine Art Gefäß als ein plastisches Remake.
Offenbar bedurften die Photogrammetrien aus der Zwingerbauhütte umfangreicher Umarbeitungen, um mittels örtlicher Techniken und innerhalb des vorgesehenen Budgets realisierbar zu sein. Trotz aller Ungenauigkeit in seiner Ausführung steht der Nachbau mit einer erhabenen Würde in der fast menschenleeren Umgebung, rührend als Manifestation des Versuchs den Weltruhm der Porzellanstadt Arita wiederzubeleben, so wie ihrerseits die japanische Porzellankultur den Ruhm Dresdens belebt hatte. Der Zwinger von Arita ist ein Ort, an dem die Verquickung der Kulturen, ihr Austausch zum gegenseitigen Nutzen und die gewollte wechselseitige Beeinflussung greifbar und erlebbar wird. Dabei wird klar, dass Kultur hier nicht einfach importiert wurde, sondern dass sie überhaupt erst durch Austausch entsteht, durch Vermischung, durch Überlagerung und Kreuzung, durch Verschiebungen des Kontextes und produktive Missverständnisse. Dieses Beispiel kann die Welt gerade heute gut gebrauchen. Es belegt, dass Identität sich durch den Austausch mit dem Anderen entwickelt. Abschottung führt eben nicht zu einer stärkeren“eigenen“Identität sondern zu Stillstand.