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Genotyp und Phänotyp

Die traditionelle Denkmalpflege fußt auf der Idee der Authentizität bzw. Integrität der historischen Bausubstanz, welche durch ihren möglichst lückenlosen Erhalt die Erscheinung des zu schützenden Gebäudes bestimmt. Vielsagend ist in diesem Zusammenhang der Begriff des „Sanierens“, der sich von lat. „sanare“, also „gesund machen“, ableitet. Der medizinischen Metapher liegt die Vorstellung des Denkmals als eines ganzheitlichen Organismus zugrunde, dessen Lebensfähigkeit zu bewahren ist. Das Ideal einer Einheit von Substanz und Erscheinung steht innerhalb dieses Modells ganz außer Frage. Gerade diese Selbstverständlichkeit aber – und damit sind wir bei der Kernthese dieser Ausführungen – gerät angesichts der wachsenden Anzahl von jüngeren Denkmälern zunehmend unter Druck.        

Dabei folgt die Restaurierungspraxis spätestens seit einem halben Jahrhundert und in Berufung auf die Charta von Venedig einem guten und bewährten Prinzip: Ihr Ziel ist es, Gebäude unter möglichst wenig Substanzverlust zu reparieren. Erscheinung und Funktion sind möglichst weit zu bewahren, damit die betreffenden Häuser als lebendige Zeugnisse vergangener Zeiten erhalten bleiben. An seine Grenzen gelangt dieses denkmalpflegerische Konzept erst dann, wenn man es – wie es in den kommenden Jahren verstärkt der Fall sein wird – mit einer nicht länger primär handwerklich erstellten Bausubstanz zu tun bekommt. Auch in diesem Zusammenhang ist die Sprache verräterisch: Der lateinische Begriff „reparare“ bedeutet „wiederherstellen“. Dabei wird die Technik, mit deren Hilfe ein Objekt erstellt wurde, partiell wiederholt, um einen Defekt zu beheben.   

In Bezug auf handwerklich erstellte Objekte ist diese Methode der Restauration naheliegend. Es leuchtet ein, dass man beispielsweise ein beschädigtes Ölbild mit Hilfe von Pinsel und Ölfarbe in einen Zustand versetzen kann, der dem Original so nahekommt, wie dies eben überhaupt möglich ist. Generell ist dieses Vorgehen auch auf Häuser übertragbar. Zwar sind diese im Gegensatz zum Ölgemälde traditionell in einer Mischtechnik verschiedener handwerklicher Disziplinen erstellt, für die Praxis jedoch stellt dies kein großes Problem dar, solange (und das ist entscheidend) die einzelnen Techniken handwerklich geprägt sind bzw. die Materialien handwerklich bearbeitbar sind. Die verschiedenen Gewerke greifen dann an lange vereinbarten Schnittstellen ineinander und fügen sich zum Ganzen. Das gesamte Gebilde also mag komplex sein, seine Einzelteile jedoch sind es nicht. Jedes schadhafte Mauerwerk beispielsweise lässt sich deshalb verhältnismäßig leicht „flicken“, im Idealfall sogar unter Zuhilfenahme historischer Materialien und verbürgter Methoden.

Hier nun liegt der entscheidende Unterschied zu jüngeren Gebäuden. Seit der Industrialisierung nämlich erleben wir eine schleichende Verschiebung der Konstruktionsweise weg vom handwerklichen Herstellen noch der elementarsten Teile hin zu einer Assemblage halbfertiger Produkte, die oft lediglich handwerklich miteinander verbunden werden. Bereits auf der Baustelle verhalten sich diese Halbzeuge gegenüber einer nachträglichen Manipulation äußerst störrisch: Beispielsweise kann man von industriell gefertigten Aluminiumfassaden nicht einfach etwas abhobeln, um etwaige Toleranzen aufzunehmen.

Ähnliches gilt hinsichtlich moderner Materialien: Mag Stahlbeton zwar noch handwerksnah hergestellt werden; nachträgliche Änderungen sind, wo überhaupt möglich, in jedem Falle mit großem Aufwand verbunden. Die Tendenz zu immer komplexeren Materialkombinationen mit immer unsichereren Haltbarkeiten tut ein Übriges, um diese Problematik zu verstärken.

Um die Schwierigkeiten, die sich im Rahmen der beschriebenen Entwicklung für die Denkmalpflege ergeben, zu verdeutlichen, sei ein kleiner Ausflug in eine ganz andere Branche erlaubt: In einem (ebenfalls industriell gefertigten) historischen Auto sind viele Teile nicht reparierbar, sondern nur austauschbar, zumindest wenn man nicht auf die Fahrtüchtigkeit des restaurierten Wagens verzichten will., Ein einzelnes Drehteil in einem Motor auszuwechseln mag noch unproblematisch sein  Ist aber ein Motorblock aus Guss undicht, lässt er sich nachträglich kaum abdichten. In der Praxis wird in einem solchen Fall ein Motor aus einem andern Auto verwendet, der Block also getauscht. Dabei sind die Autorestaurateure gegenüber den Kollegen vom Bau deutlich im Vorteil: Solange, was im Fall einer Massenproduktion zumindest theoretisch anzunehmen ist, genügend Austauschteile verfügbar sind, ist ihr Vorgehen nicht einmal mit einem echten Authentizitätsproblem verbunden. Der eingetauschte Motor hätte sich theoretisch von vornherein an seinem jetzigen Platz befinden können; schließlich sind beide Autos vom selben Band gelaufen.

Mit dem Auswechseln einer undichten Aluminium-Fassade aus den 60ern tut man sich ungleich viel schwerer. Selbst häufig verwendete Bausysteme nämlich sind nicht im Ansatz reichhaltig genug verfügbar, als dass man sie von einem zum anderen Gebäude tauschen könnte. Selbst wenn dieses Problem lösbar wäre; das eingetauschte System würde heutigen Anforderungen natürlich ebenso wenig genügen wie der Vorgänger. Die Kombination moderner Materialien und industrieller Bausystemen macht die Restauration jüngerer Gebäude zu einem technischen Parforceakt, dessen Dimension die Denkmalpflege in wesentlichen Grundsätzen berührt.

Selbstverständlich war es auch in früheren Zeiten notwendig, den Gedanken der Originalsubstanz relativ weit auszulegen, um zum Erhalt des authentischen Denkmals zu gelangen. Wohl kaum ein barockes Haus beispielsweise trägt heute noch den Original-Außenputz. Bei den prospektiv kommenden Denkmälern aber geht es nicht allein um die letzten drei Millimeter, sondern der gesamte Wandaufbau steht zur Debatte. Waren bisher die Lücken in der handwerklich erstellten Substanz mit traditionellen Mitteln leicht zu schließen, ja kam eine leichte Abweichung zwischen alt und neu sogar der Charta von Venedig und ihrer Forderung nach Ablesbarkeit der restauratorischen Eingriffe entgegen, so ist die erwähnte schadhafte Aluminiumfassade in ihrer bisherigen Gestalt schlicht nicht zu erhalten. Denkbar wäre hingegen, diese zu ertüchtigen, beispielsweise durch eine davor gesetzte Glasebene. Allerdings ginge der Substanzerhalt dann auf Kosten einer stark veränderten Außenwirkung. Wie dies auch beim Hinzufügen einer Dämmung, weiterer Profile oder Ähnlichem der Fall wäre.

Wollte man dagegen, dass die neue Fassade äußerlich der alten gleicht, würde man nicht umhinkommen, die Profile auszutauschen. Die Bausubstanz würde dann zugunsten der (nicht ganz unwesentlichen) Qualität der Erscheinung geopfert. Genau betrachtet handelt es sich bei diesem Vorgehen um nichts anderes als eine Rekonstruktion. Allein das Wort lässt viele erschauern, wird doch damit dem äußeren Schein ein klarer Vorrang vor dem Sein eingeräumt. Aber machen wir uns nichts vor: Der Einklang von Substanz und Erscheinung, der zu den Grundforderungen traditioneller Denkmalpflege zählt, ist im Hinblick auf die Sanierungsprojekte der kommenden Jahrzehnte kaum haltbar.

Um diesem Paradigmenwechsel angemessen zu begegnen, schlägt dieser Artikel – durchaus in Weiterführung der Tradition architektonischer Begriffsbildung, man denke nur an die oben beschriebene Matapher vom sanierten („gesundgemachten“) Haus – die Übernahme eines naturwissenschaftlichen Denkmodells vor: In der Biologie beschreibt der „Genotyp“ die exakte genetische Ausstattung eines Organismus, also den individuellen Satz von Genen, den jeder Zellkern in sich trägt. Eine genotypische Übereinstimmung zweier Individuen meint also deren genetische Identität. Unter „Phänotyp“ dagegen versteht man die Summe aller beobachtbaren Merkmale des Organismus. Zwei phänotypisch ähnliche Individuen sind somit durch bloße optische Übereinstimmung miteinander verbunden.

Übertragen in die Begrifflichkeit der Architektur entspräche dem Genotyp die Substanz, dem Phänotyp die Erscheinung eines Gebäudes. Erstere stellt so etwas wie den Urgrund des Denkmals dar, seinen genetischen Code. Im Rahmen der traditionellen Denkmalpflege fällt dieser mit dem Phänotyp, der Erscheinung des Gebäudes, einfach zusammen. Die Kontinuität dieser Einheit über die Jahrhunderte ist über den Herstellungsprozess und die verwendeten Materialien gewährleistet.

Für die problematisch gewordene Pflege neuerer Denkmäler dagegen ist gerade die Differenz innerhalb des Begriffspaars von Interesse. Die Biologie nämlich kann bei Weitem nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass eine genotypische Ähnlichkeit eine Entsprechung auf der phänotypischen Ebene hervorbringt.

So ist beispielsweise das Gänseblümchen genetisch sehr eng verwandt mit der Erdbeere, der äußere Unterschied dagegen eklatant. Umgekehrt sieht die vollkommen harmlose Schwebfliege der räuberischen Wespe zum Verwechseln ähnlich. Dem liegt aber nicht im Entferntesten ein ähnlicher Genotyp zugrunde. Phänotyp und Genotyp erscheinen demnach als vergleichsweise voneinander unabhängige Größen. Deren begriffliche Übertragung in die Denkmalpflege ist insoweit attraktiv, als damit die besagte Problematik von Substanz und Erscheinung neu diskutierbar wird.  Die biologische Metapher illustriert, dass es sich beim Genotyp (der Substanz) eines Gebäudes und dessen Phänotyp (Erscheinung) um zwei verbundene, aber eben nicht identische Werte handelt. Das heißt, dass nicht notwendig beide Qualitäten verloren gehen müssen, wo es nicht gelingt, die eine von beiden zu retten. Mehr und mehr wird es in Zukunft angesichts bestimmter Materialien und Fertigungstechniken notwendig sein, zwischen dem Erhalt genotypischer oder phänotypischer Merkmale eines Denkmals abzuwägen. Die entsprechende Entscheidung muss im Einzelfall angesichts von Kriterien wie dem Maßstab des Eingriffs oder der vorgesehenen Nutzung getroffen werden. Dabei will ich nicht verhehlen, dass gewichtige Argumente sowohl für den Erhalt der Erscheinung als auch der Substanz sprechen können:

Der Phänotyp eines Denkmals ist das, was wahrgenommen wird, und es wird nicht einfach sein öffentlich zu kommunizieren, dass es auf den Genotyp ankomme, wenn vom Phänotyp bei der Restaurierung nichts mehr übrigbleibt. Indem die Veränderung stärker erlebbar wird, wird sie zu einem entscheidenden Thema über den denkmalpflegerischen Fachdiskurs hinaus.

Eine konsequente phänotypische Bearbeitung dagegen führt zum Totalverlust der Substanz. Die Abgrenzung einer derartigen Wiederherstellung zur geschmähten Rekonstruktion erscheint schwierig bis unmöglich. Andererseits: Das Denkmal als rekonstruierte Substanz bildet zwar kein offizielles Ziel der Denkmalpflege. In Wahrheit aber existieren derartige Lösungen, getrieben durch rein praktische Erwägungen, schon viel öfter, als es bisher thematisiert wird. Das hat, wie bereits erwähnt, mit der Art der Gebäude zu tun, die nun ins Blickfeld rücken. Bei der Ertüchtigung eines konventionell errichteten sechsgeschossigen Bürgerhauses sind die Abweichungen von den aktuellen Bauordnungen möglicherweise noch kontrollierbar. Bei einem fünfundzwanziggeschossigen Stahlbetonturm aus den 50ern will – der Denkmalschutz in allen Ehren – vermutlich niemand mehr die Verantwortung für die Nichtbeachtung heutiger Brandschutznormen übernehmen. Gar nicht zu reden von Fragen des Wärmeschutzes… Letztlich werden dann die feinen Profile imitierend nachgebaut oder ganze Hauskonstruktionen hinter den Fassaden ersetzt, manchmal geschieht sogar beides.

Besonders deutlich wird das Phänomen der bereits heute unausgesprochen vorgenommenen Abwägung zwischen Genotyp und Phänotyp am Beispiel der großen städtebaulichen Ensembles der Moderne. Dass die Abspannseile des Münchener Olympiageländes genotypisch saniert wurden, indem man sie in schützende Blechhüllen eingelassen hat, ist eher unproblematisch. Dass die Kunststoffhaut des Daches selbst phänotypisch behandelt und bereits mehrfach austauscht wurde, ist ausgehend vom Substanzbegriff eher schwierig vertretbar. Aber wer wollte wirklich riskieren, das Bild der olympischen Spiele von 1972 zu beeinträchtigen? Wurde hier etwa nicht die Integrität der Substanz zugunsten des Phänotyps stillschweigend geopfert?  Natürlich lässt sich argumentieren, es käme auf das Maß des hier noch verhältnismäßig geringen Eingriffs an. Bemerkenswert nur, dass das 100 Meter entfernte geschützte Frauendorf der Olympischen Spiele unter den Augen der Denkmalpflege komplett abgerissen und phänotypisch ähnlich wiederaufgebaut werden konnte. Wobei ganz nebenbei die bestehenden 850 Häuschen auf 1000 vermehrt wurden. Was ist das, wenn nicht eine Rekonstruktion entscheidenden Maßstabs?

Nur zur Klarstellung: Es geht hier nicht darum, die Behandlung des Olympiageländes anzuprangern. Es geht um die theoretische Auseinandersetzung mit einem denkmalpflegerischen Postulat, das mit der wachsenden Relevanz von Denkmälern der Moderne in der Praxis nicht mehr haltbar erscheint. Obwohl die phänotypische Rekonstruktion im eklatanten Widerspruch zu traditionellen Maximen des Fachs steht, erfolgt sie bereits heute mit dem Segen der praktischen Denkmalpfleger. Solange wir diesen Konflikt nicht selbst stärker thematisieren, sind wir schlecht gerüstet, gerade auch für Diskussionen im politischen Raum.

Es mag ja sein, dass das beschriebene Problem in den Augen vieler Denkmalpfleger nur minder wertvolle Denkmäler mit einer Erbauungszeit ab den 50er Jahren betrifft, aber genau diese werden in den kommenden Jahren im Mittelpunkt des öffentlichen und vor allem politischen Diskurses stehen. Das hat damit zu tun, dass eine gewisse Zeitgenossenschaft zu den potentiellen Denkmälern besteht. Die Menschen haben damit eine engere Verbindung zu den betreffenden Gebäuden, deren Entstehung sie vielleicht verfolgt, in denen sie möglicherweise ihre Schulzeit oder ein Großteil ihres Arbeitslebens verbracht haben. Dies hat Auswirkungen auf den emotionalen Bezug, im positiven wie im negativen Sinne. Eigentlich ist damit ein wünschenswerter Zustand erreicht: Die Menschen nehmen Anteil an ihrer gebauten Umwelt. Wenn aber im Rahmen einer breiten öffentlichen Diskussion sichtbar wird, dass die Denkmalpflege selbst permanent gegen ihre eigenen substanzorientierten Grundsätze verstößt; wer könnte dann eine Brandmauer zwischen guten und schlechten Denkmälern errichten? Aus der unglaubwürdigen Debatte um Substanz könnte dann schnell ein massiver Akzeptanzverlust resultieren.

Insofern erscheint die Provokation, welche die Einführung der Begriffe „Genotyp“ und „Phänotyp“ in die Denkmalpflegediskussion bedeuten mag, unvermeidlich. Tatsächlich nämlich wird auf deutschen Baustellen schon heute täglich unausgesprochen zwischen den beiden Kategorien abgewogen. Versteckt hinter Bauplanen wird damit permanent auf die Kraft des Faktischen gesetzt, interessanterweise häufig mit dem verstohlenen Hinweis, dass möglichst niemand die entsprechenden Eingriffe bemerken solle….

Gut möglich, dass der Grund für ein solches Verhalten auch in der Überforderung von Architekten, Denkmalpflegern, Kunsthistorikern und Politikern zu suchen ist. Aber um an dieser Stelle nicht in eine der in der Architektur ebenso gerne geführten wie unsäglich moralischen Diskussionen um Ehrlichkeit und Wahrheit zu geraten, müssen wir uns der ganzen Debatte stellen.  Dabei wird die bisher postulierte Einheit von Erscheinung und Substanz nicht mehr überall zu halten sein. An ihre Stelle wird eine Differenzierung treten müssen, die Abwägung zwischen Genotyp und Phänotyp.