18.01.2025
Unser Autor Andreas Hild erlebte seine architektonische Sozialisation im Bereich des Umbaus. Er weiß sehr gut, dass man hier den Verlauf eines Eingriffs nie ganz genau vorhersagen kann. Oft ist zunächst unklar, welche Überraschung in der nächsten Wand lauert, welche Bewehrung wohl eine bestimmte Betondecke enthält oder wie der Fußbodenaufbau beschaffen ist. Steigende Berufserfahrung lehrt mit diesen Imponderabilien umzugehen. Mit der Zeit lässt sich akzeptieren, dass die erste Entwurfsidee sich oft als nicht realistisch erweist. Man lernt aber auch, dass es – wie auch immer – gelingen kann, die Komplexität der jeweiligen Aufgabe zu bewältigen, indem man die Ideen an die Gegebenheiten anpasst. Architektinnen und Architekten müssen in der Lage sein, die Unsicherheiten, die während dieses Prozesses bei allen Beteiligten entstehen, zu moderieren. Das ist nicht ganz einfach, insbesondere in einer Branche, deren Welt beständig noch komplizierter zu werden scheint.
Wohin man auch blickt, kein Ende abzusehen. Die Komplexität nimmt zu.
Dieses Gefühl befällt nicht allein diejenigen, die sich mit dem Bauen beschäftigen. Betroffen sind die Beschaffenheit unserer unmittelbaren Umgebung ebenso wie die Abläufe und Organisationsstrukturen, innerhalb derer wir versuchen, uns in der Welt zu behaupten. Nur noch wenige Zusammenhänge innerhalb der uns direkt umgebenden Welt durchdringen wir als Einzelpersonen bis zum Grund. Kaum ein Gebrauchsgegenstand ermöglicht uns noch einen unmittelbaren Zugang zu seiner Funktionsweise. Angesichts dieses täglichen Erlebens wirkt der Umstand besonders beunruhigend, dass sich auch ganz objektiv nicht über eine Vereinfachung unserer Erkenntnisse berichten lässt. Im Gegenteil: Der Befund einer Zunahme von Komplexität nimmt bisweilen bedrohliche Ausmaße an. Die Wissenschaft zweifelt denn auch nicht daran, dass das Menschheitswissen und damit die Erfahrung von Komplexität anwachsen. Sie ist sie sich vielmehr lediglich uneins darüber, in welchen Zeiträumen dieses Wissen sich verdoppelt. Je nach Quelle werden da Spannen von fünf bis zwölf Jahren genannt.
War das schon mal anders? Seit wir die Höhlen verlassen haben, mussten wir immer wieder mehr oder weniger revolutionäre Erkenntnisse in unser Leben und Erleben integrieren.
Irgendwie ist es uns aber offenbar bisher gelungen, diesen Zuwachs zu bewältigen. Neues Wissen, das uns zunächst als Komplexitätserhöhung gegenübertrat, scheint zumindest partiell in der Allgemeinheit angekommen zu sein. So lässt sich zumindest etwa der Eindruck erklären, dass mit dem Wissen über Quantenphysik, das heute in einem Uni-Vorkurs im Fach Physik vorausgesetzt wird, vor 80 Jahren eine Promotion zu bestreiten gewesen wäre.
Auch unsere gesellschaftlichen Abläufe werden immer komplexer. Das Bauen ist da ein gutes Beispiel: Die Materialien werden immer ausdifferenzierter, in der Folge werden zugelassene Konstruktionen komplizierter bis zur Unausführbarkeit. Im Arbeitsalltag zu berücksichtigen sind unter anderem neue Gesetze und Verordnungen, immer mehr Forderungen von Versicherungen und Prüfinstituten, eine stetig wachsende Bürokratie. Dazu Fluten von sich widersprechenden Vorschriften, die eine undurchschaubare Rechtsprechung nach sich ziehen. Der Gedanke an ein weiteres Fortschreiten dieser Entwicklung ist nicht gerade ermutigend, aber wurde je von einem Zurückdrehen einer solchen Spirale berichtet? Wäre es daher, anstatt auf die große Vereinfachung zu hoffen, nicht sinnvoll, zu versuchen, sich in der steigenden Komplexität zurechtzufinden?
Beim Bauen (wie übrigens auch in vielen anderen Bereichen) lässt sich Komplexität nicht zuletzt als eine gesellschaftliche Errungenschaft verstehen. Liegen ihr doch mehr oder weniger faire Aushandlungsprozessen unterschiedlicher konkurrierender Positionen zugrunde. Lärmschutzrichtlinien beispielsweise sind eben nicht nur ein Städtebauhindernis, sondern auch ein Instrument, um die Bevölkerung vor Beeinträchtigung und Krankheit zu bewahren. Umgekehrt sollte mit der Sechsten Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zum Bundes-Immissionsschutzgesetz (kurz: TA-Lärm) auch die Industrie insbesondere des Ruhrgebiets vor Ansprüchen einzelner Kläger geschützt werden, um die Produktion zu sichern. Brandschutzvorschriften sind nicht ein bloßer Stolperstein für vernünftiges Bauen, sondern entspringen einer komplexen Aushandlung von Sicherheit und Machbarkeit, basierend etwa auf jahrzehntelangen Erfahrungen der Feuerwehr und den Ansprüchen der Versicherer. Die Liste ließe sich annähernd endlos fortführen. Schwierige Kompromisse als Grundlage einer wachsenden Anzahl von teils kaum zu vereinbarenden Regelungen werden auch künftig nicht zu vermeiden sein, zu viele gesellschaftliche Gruppen haben da jeweils teils widerstrebende Interessen.
Das gilt auch für die Bürokratie selbst. Wer glaubt wirklich, dass man die EU-weiten Lebensmittelrichtlinien per Dekret ändern könnte? Das hat zunächst einmal gar nichts mit den jeweils zuständigen Behörden zu tun. Allein die unterschiedlichen Interessen der Marktteilnehmer, des Verbraucherschutzes und anderer Gruppen verhindern große Sprünge auf diesem Gebiet. Demokratisch erzielte Regelungen sind, wie sie sind, weil sie sich im Prozess der Aushandlung als vergleichsweise stabil erwiesen haben. Die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern lassen sich durch andersartig verlaufende Diskussionsprozesse erklären oder vielleicht auch durch abweichende Bedingungen für die in Vorschriften gegossenen Standpunkte. Diese generelle Resilienz von Verordnungen mag der Grund sein, warum man von all den Bürokratieabbaukommissionen nach ihrer Gründung so selten wieder hört.
Die Komplexität unserer Regelwerke bildet letztlich die unterschiedlichen Anforderungen ab, die wir als Individuen an das Leben stellen. Sie schützt vor allzu einfachen, weil einseitigen, Lösungen und ist das Ergebnis von Verhandlungsprozessen in vergleichsweise offenen Systemen, die an andere Systeme grenzen, diese ihrerseits beeinflussen und von ihnen beeinflusst werden. So entsteht ein komplexes Beziehungsnetzwerk, das letztlich als Ausgleich unterschiedlicher Interessen die jeweilige Lösung stabilisiert.
Wer das für problematisch hält, sollte sich fragen, ob nicht genau darin die Natur einer demokratischen Selbstregulation liegt, die vorrübergehend die eine oder andere Übertreibung akzeptieren muss, um die dahinterliegenden Interessen abzubilden und zu moderieren, bis sie sich auf ein praktikables Niveau einpendeln. Es lässt sich kritisieren, dass diese Prozesse sehr langsam ablaufen, aber auch die Geschwindigkeit der Veränderung unterliegt eben derselben Aushandlung. Natürlich stimmt es, dass Lobbyisten versuchen, in diesen Strukturen ihren Vorteil zu finden, aber zumindest theoretisch vertreten auch sie bestimmte Anliegen mit legitimem Inhalt. So langwierig und störungsanfällig so ein Aushandlungsprozess auch sein mag, er schützt vor allzu einfachen Lösungen. Das ist deshalb von Vorteil, weil eine einfache Lösung nur wenige Einflussfaktoren behandeln kann und damit nur eine kleine Zahl an Akteurinnen und Akteuren repräsentiert. Insofern könnte man die Umständlichkeit des Verfahrens auch als geradezu beruhigend empfinden. Zeigt sie doch, dass im Grundsatz alle Parameter zumindest vom Prinzip her einbringbar sind und sich erst im Laufe der Debatte einige von ihnen durchsetzen und zu einer komplexen Lösung führen.
Diese Sichtweise ist allerdings nicht weit verbreitet. Im Gegenteil scheinen einzelne Gruppen zu hoffen, dass irgendwer doch mal mit großer Durchsetzungskraft die lang ersehnte Vereinfachung herbeiführt (selbstverständlich im Sinne der jeweils eigenen Interessen).
Bei genauerer Betrachtung sieht man aber, dass der beherzte Eingriff in den beschriebenen Aushandlungsprozess erstens undemokratisch wäre und es zweitens zu unvorhersehbaren Ereignissen führen könnte, wenn man glaubt, „einfach“ in komplexe Systeme eingreifen zu können. Sind es nicht gerade die Lösungen vom rechten und linken Rand der Politiklandschaft, die im Verdacht stehen „zu einfach“ zu sein? Ist das Trump‘sche Versprechen „wir machen eine ganz einfache amerikanische Politik“ nicht Ausdruck eben einer solchen Unterkomplexität?
Ginge es also nicht vielmehr darum, Komplexität als notwendige Folge von Demokratisierung wahrzunehmen und einen Modus zu finden, damit umzugehen? Also eine Komplexitätskompensationskompetenz zu entwickeln?
Anmerkung:
Dieses Wortungetüm habe ich von Odo Marquard entliehen. Er spricht, allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang, etwas augenzwinkernd von „Inkompetenzkompensationskompetenz“.
Wer die Vergangenheit betrachtet, könnte zu dem Schluss kommen, es sei geradezu ein Überlebensmodell der Menschheit, eine stetig wachsende Komplexität in ihr Leben zu integrieren. Es lässt sich beobachten, dass es immer wieder gelungen ist, historische Komplexitätssteigerungen positiv zu verarbeiten. Diese Anpassung geschieht aber nicht von selbst, sondern ist ihrerseits ein komplexer Prozess. Warum fällt sie uns heute so schwer?
Der Philosoph Gaston Bachelard hat in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts versucht zu ergründen, warum sich Menschen bestimmten Erkenntnissen verweigern. Mit seiner Theorie der epistemologischen Hürden reagiert er auf den Umstand, dass beispielsweise die damalige Physikforschung und die daraus resultierenden Erkenntnisse nicht mehr anschaulich waren, sondern auf theoretischen Modellen beruhten, die dem Verständnis schwer zu überwindende Hürden entgegensetzten. Grundsätzlich rekurriert Bachelard damit auf wissenschaftliche Erkenntnisse, nicht wie dieser Artikel auf administrative Strukturen. Deren Durchdringung ist aber insofern vergleichbar als hier wie da ineinander verwobene Systeme erklärt und bearbeitet werden müssen. Und schließlich sind die Regelwerke, um die es hier geht, selbst zu einem großen Anteil nicht nur demokratisch, sondern auch wissenschaftlich fundiert. Insofern ließe sich mutmaßen, dass sich Bachelards Gedanken zu systematischen Erkenntnishindernissen auch auf unsere mangelhafte Anpassung an die komplexen Bedingungen des derzeitigen Bauens übertragen lassen.
Anmerkung:
Bachelard führte den Begriff der epistemologischen Hürde („obstacle épistémologique“) in seinem Buch „La formation de l’esprit scientifique“
1934 ein.
Bachelard identifiziert eine ganze Reihe von systematischen Widerständen gegenüber neuen Erkenntnissen,von denen einige In unserem Zusammenhang von Interesse wären. Insbesondere das erste von ihm angeführte Hindernis der trügerischen Klarheit einer ersten, naiven Erfahrung‘ ist auf unser Thema direkt anwendbar:
„Die primäre Erfahrung, oder genauer gesagt, die erste Beobachtung ist immer ein erstes Hindernis für die wissenschaftliche Bildung. In der Tat bietet sich diese erste Beobachtung mit einer Fülle von Bildern dar; sie ist malerisch, konkret, natürlich, einfach. Man braucht sie nur zu beschreiben. Schon glaubt man sie zu verstehen.“
Anmerkung:
Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes (Gaston Bachelard Suhrkamp Frankfurt am Main 1978, S.54)
Hier wendet sich die grundlegende Vorstellung, die Welt könne und müsse einfach sein, also gegen die Erkenntnis der Welt selbst. Auf unser Problem übertragen: Es ist das Festhalten an dem Ideal von Einfachheit, welches die notwendige Anpassung an die unvermeidbare Komplexität behindert. Die nicht einzulösende Idee der Einfachheit reduziert die Komplexitätskompensationskompetenz.
So gesehen bedient der Ruf nach Einfachheit zwar ein allgemeines Bedürfnis, verhindert aber, dass wir uns den Aufgaben stellen, die wir eigentlich haben. Nämlich die notwendige Anpassung an die komplexen Gegebenheiten zu vollziehen und es uns damit tatsächlich einfacher zu machen. Ja, die Forderung nach Einfachheit ist kontraproduktiv für ihr eigenes Ziel.
Diese Sichtweise verkennt nicht, dass es als Folge von individuellen Übereinkünften zwischen einem Architekten und seinem Bauherrn ein echt vereinfachtes Bauen geben kann. Dies beruht dann aber wiederum auf einem Aushandlungsprozess, der den Beteiligten Akteuren die entsprechenden Risiken zuweist, und ist eben nicht ohne weiteres auf die allgemeine Praxis zu übertragen.
Das ‚allgemeine‘ Bauen folgt immer einer Art kategorischem Imperativ, der uns zwingt, stets so zu bauen, dass die einzelne Lösung Vorbild für alle vergleichbaren Lösungen sein könnte. Andernfalls müsste neu verhandelt werden. Das Bauen muss so innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stattfinden, weil diese entsprechend aufwendig verhandelt wurden und damit zu einem demokratischen Gemeinwesen gehören, ja letztlich ein solches Gemeinwesen konstituieren. Aus dieser Komplexität gibt es vermutlich kein Entrinnen.
Der Gebäudetyp E ist in diesem Sinne auch kein Beitrag zu einer Vereinfachung im Sinne einer Vermeidung komplexer Zusammenhänge, sondern ein geänderter Rechtsraum, der eine Art gesonderten Aushandlungsrahmen beschreibt. Man wird sehen, was die Gerichte und die entsprechenden Kommentierungen daraus machen. Es ist aber gewiss nicht zu erwarten, dass er zu einer Vereinfachung im Sinne einer Komplexitätsvermeidung führt. Denn im Prinzip wird die Komplexität lediglich vom Feld der „allgemein anerkannten Regeln der Technik“ auf ein anderes verlagert, indem sie zwischen Architekten und Bauherrn Schritt für Schritt neu auszuhandeln ist. Neue Auslegungen und daraus resultierende Verordnungen werden hier im besten Falle unsere Anpassungen an die entsprechend erhöhte Komplexität der Verhandlung moderieren können. Ohne Frage ist aber der Gebäudetyp E ein Vorschlag, der als Versuch gelesen werden kann, einen Beitrag zur Komplexitätskompensation im geschilderten Sinne zu liefern.
Richtig, das klingt nach einem ziemlich anstrengenden Evolutionsprozess.
Wenn wir aber das Aushandlungsmodell deshalb als zu mühsam ablehnen wollen, was wäre die Alternative? Letztlich könnte der oben beschriebene beherzte Eingriff – wenn man die gegebenen demokratischen Bedenken einmal beiseitelassen will – natürlich zu einer Vereinfachung führen. In jedem Fall würde es aber dadurch zu einer Destabilisierung des jeweiligen Systems kommen. Insgesamt kann so etwas natürlich durchaus fruchtbar sein. Von Thomas Samuel Kuhn stammt die wissenschaftstheoretische Idee des Paradigmenwechsels als „wissenschaftlicher Revolution“. Er geht davon aus, dass sich Wissenschaft mittels mächtiger Verschiebungen entwickelt.
Anmerkung:
T. S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976
Disziplinen geraten demnach von Zeit zu Zeit in Krisen, die dazu führen, dass sich die ihrem Weltbild zugrundeliegenden Grundannahmen (Paradigmen) revolutionär wandeln. Eskalierende Konflikte sind in diesem Verständnis der eigentliche Motor des Fortschritts. Natürlich könnte man so einen Gedanken auch auf ein Bürokratieproblem anwenden. Man braucht dabei nicht gleich an physische Gewalt zu denken. Sicher aber wäre eine Veränderung in diesem Sinne – wie es der Begriff der Revolution nahelegt – wohl nicht ohne entsprechende gesellschaftliche Disruptionen denkbar. In jedem Fall würde dieses Verfahren mit unkalkulierbaren Risiken einhergehen. Demokratische Mehrheiten sind für so etwas kaum zu erwarten.
Disruption hin, Aushandlung her:
Wir sollten uns gut überlegen, ob die Konzentration auf eine Komplexitätskompensationskompetenz da nicht doch den aussichtsreicheren Weg darstellt