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„L’architettura sono le architetture“

„Architektur wird aus anderen Architekturen gemacht“, sagt Aldo Rossi. Er evoziert dabei ein kollektives Gedächtnis, aus dem heraus schöpfend die Architektur der Welt immer wieder neu zusammengesetzt wird. Diese Vorstellung eines gegebenen Formenvokabulars, mit dessen Hilfe sich – vergleichbar mit dem Wortschatz in der Sprache – immer neue Häuser zusammensetzen lassen, ist mir sehr nahe. Zwar beschränkt Rossi das eigene Repertoire auf architektonische Objekte, also Gebäude. Grundsätzlich allerdings wird Architektur natürlich nicht nur aus anderen Häusern gemacht, auch  „artfremde“ Dinge wie Vogelnester, Lippenstifte oder die allgegenwärtigen Regale können ihr als Ausgangspunkt dienen.

Die Lehre gerät durch diese Aufweitung des Formenvokabulars regelmäßig in Schwierigkeiten. Das verständliche Bedürfnis der Studierenden nach kreativer Individualität und damit freier Auswahl der Möglichkeiten läuft zumindest im Fach Entwerfen systematischen Forderungen nach einer „architektonischen Grundausbildung“ zuwider. Eine potentiell uneingeschränkte Zahl an Referenzen brächte eine ebenso unübersehbare Menge von unterschiedlichen Problemstellungen mit sich, was es unmöglich werden ließe,  die notwendigen Grundlagen umfassend zu erläutern.

Zudem macht ein konsequentes „anything goes“ die selbstgewählten Systeme potentiell „unbewältigbar“ (ein Problem übrigens, das nicht nur Studierende betrifft). Auf die enormen Schwierigkeiten, die Komplexität entsprechender Baukonstruktionen in realistischer Weise abzubilden, reagieren manche Studierende, indem sie diese Aufgabe delegieren. Entweder nach oben zu den Lehrenden (die dann zumindest noch beratend tätig werden können) oder nach unten zu einer fiktiven Firma, die das im Ernstfall schon machen würde.

Nicht allein in der praktischen Umsetzung, auch konzeptionell hat die allzu große Freiheit problematische Folgen: Das architektonische Vokabular der meisten Studierenden ist gering, wohl auch deshalb, weil seine Vermittlung schon lange nicht mehr systematischer Bestandteil einer Grundausbildung ist. In der Folge wird entweder auf erschütternd wenige Webpages oder Printmedien als „Inspirationsquelle“ zurückgegriffen oder werden auf der Suche nach Originalität immer absurdere Gegenstände zum Ausgangspunkt entwerferischer Überlegungen gemacht.

In dieser unbefriedigenden Situation ziehen sich viele Lehrende darauf zurück, lediglich grundlegende Mechanismen zu vermitteln und hoffen, dass die Studenten später in der Lage sein würden, diese an ihren frei gewählten Referenzrahmen anzupassen. Wenn wir Architektur mit einer Sprache vergleichen wollten, hieße das: Man lehrt nur noch die Syntax, in der Hoffnung die so Unterrichteten könnten in der Folge Gedichte schreiben. So haben wir es derzeit in den Büros mit Jungarchitekten zu tun, die zwar rendern und blumig erklären können, aber nur sehr rudimentäre bis gar keine Vorstellungen von den Anforderungen bundesrepublikanischer Konstruktionswirklichkeit haben.

Aber auch wenn man die Ausbildung ganzheitlich und jenseits schnöder Fragen der Marktgerechtigkeit betrachten möchte, so ist hinsichtlich der unentwirrbaren Verwobenheit von Konstruktion, Funktion und ästhetischer Dimension die große Freiheit eher hinderlich. Zumal für die wirkliche Durchdringung eines Projektes ja gerade einmal zehn bis zwölf Wochen pro Semester zur Verfügung stehen. Während derer die tatsächliche Befassung im Studio überdies auf eineinhalb Tage in der Woche reduziert ist.

Als Hochschullehrer begegnete ich der hier dargestellten Problematik wiederholt mit radikaler Beschränkung der Möglichkeiten. Insbesondere im Bereich Umbau versuchte ich die Aufgabenstellungen derart einzugrenzen, dass die Studierenden nur in einem schmalen Korridor agieren konnten und so zu einer Aussage zu Konstruktion, Fügung, Funktion und natürlich auch Ausdruck gezwungen wurden. Zwar war das im Einzelfall durchaus erfolgreich, allerdings musste ich einsehen, dass die Breite der Studierenden aktuell nicht bereit ist, die eben gewonnene Freiheit (oder das, was sie dafür halten) aufzugeben, um in kleinteiligen Betrachtungen die inneren Verknüpfungen und Abhängigkeiten von Architektur zu erarbeiten. Zu groß sind die Verlockungen der abstrakten Möglichkeiten, zu erstrebenswert die Großprojekte anderer Studios, zu omnipräsent die Anleihen, welche die medial vermittelte Weltarchitektur im Bereich aller möglichen Objekte tätigt.

Alles verloren? Nein! Hoffnung macht beispielsweise die wachsende Begeisterung der jungen Generation für Designbuild Projekte. Zwar sind diese meist in Entwicklungsländern situiert, ihre Gegebenheiten lassen sich also nicht unmittelbar auf hiesige Baustandards übertragen. Dennoch zwingen sie generell zu einer direkten Auseinandersetzung mit Fragen der Realisierbarkeit.

Zudem lässt die heute unumgängliche Beschäftigung mit evidenten Problemen der Bauwirtschaft und das daraus folgende politische Engagement  Projekte attraktiv werden, die sich mit Nachhaltigkeit, Klimawandel oder Recylierungsprozessen beschäftigen. Die in diesem Zusammenhang vieldiskutierte Praxis des „Urban Mining“ könnte positive Effekte auch im Rahmen der Ausbildung entwickeln. Fasst man nämlich den Begriff etwas weiter fasst als üblich,  dann geht es nicht nur um eine vergleichsweise direkte Wiederverwendung von Bauteilen, sondern eben auch um eine Rekombination gegebener Zeichen im Sinne Rossis. Die Festlegung aufs Vorhandene führt dabei wie von selbst zu der didaktisch gewünschten Beschränkung des Aufgabenkorridors. Die Notwendigkeit zur Integration bestimmter Bauteile erzwingt eine intensive Beschäftigung mit konstruktiven Lösungen, die sonst oft nur aus der Detailsammlung abgemalt oder gleich ignoriert werden. Im Urban Mining erkennt mein Lehrstuhl eine Chance, den Studierenden Umbau als auch in technischer Hinsicht spannendes Thema nahezubringen (was aus vielerlei Gründen gar nicht so einfach ist). Für die Architekturlehre bietet es sich als ein Feld an, auf dem konstruktive und ökologische Fragen mit solchen der ikonographischen Rekombination zusammentreffen. Um die Schwierigkeiten, aber auch das Potential entsprechender Ansätze darzulegen, möchte ich im Folgenden das Bachelor Entwurfsprojekt „Stadtbergbau Augustenstraße“ vorstellen, das wir im vergangenen Wintersemester durchgeführt haben.

Die nahe der TU München gelegene Straße wurde unter anderem gewählt,  um eine gewisse Unmittelbarkeit zu erzeugen und die Studenten direkt an bestimmte Häuser und damit an konkrete Architektur heranzuführen. Aufgabenstellung war es, die nach dem Krieg um fünf Meter zurückversetzte Baulinie wieder nach vorne zu verlegen. Dies bot sich an, zumal ein Teil der Häuser den Krieg überstanden hatte und dementsprechend auf der alten Linie verblieben war. Das Umbauprojekt hatte also zum Ziel, die Nachkriegshäuser um fünf Meter „aufzuspecken“. Die damit tieferen Grundrisse waren ebenso Thema wie die Konstruktion der neuen Erweiterung. Jeder der Gruppen wurden  drei Häuser zugeteilt, sodass die gesamte Straße mit insgesamt über 60 Häusern bearbeitet wurde. Die Fassaden und nach Möglichkeit auch der Rest der Konstruktion sollten nur aus Elementen erstellt werden, die innerhalb des gesamten Projektumgriffs zur Verfügung standen. Dabei durfte alles „verbaut“ werden, was man selbst oder andere „abgebrochen hatten“.

Die gegebenen Häuser fungierten als (naturgemäß endlicher) Steinbruch. Die anfängliche Idee einer Art Tauschbörse, die hätte sicherstellen können, dass  das jeweilige Bauteil nur einmal zu „verwenden“ gewesen wäre, erwies sich in der Durchführung als zu kompliziert. Diesen dann vom Lehrstuhl intensiver vorzubereitenden Ansatz nochmals aufzugreifen,  könnte eine interessante Weiterentwicklung des Projekts darstellen. Auch wenn er die Gefahr birgt, dass die Verhandlung und der „Handel“ mit den Teilen einen zumindest für einen einsemestrigen Entwurf unverhältnismäßig großen Raum einnähme.

In der Umsetzungsphase stellte sich schnell heraus, dass Ideen zunächst am Rechner entwickelt und dabei vor allem aus Fotos collagiert wurden. Den Ausgangspunkt der Überlegungen stellten meist die Fenster dar. Für den didaktischen Prozess war förderlich, dass die Straße überwiegend aus einer eher spröden 50er Jahre Architektur besteht, die man schon ganz genau betrachten muss, um ihre Qualitäten zu entdecken. Dabei half ein minutiös gebautes Bestandsmodell. In der Beschäftigung damit war viel über die Feinheiten der bestehenden Architektur zu lernen. Viele zeigten sich anschließend ganz verwundert, wie schön die Häuser eigentlich sind. Das Modell ermöglichte so eine unmittelbare Architekturerfahrung, die anders als die Zeichnung, an der vieles nicht zu überprüfen gewesen wäre, sofort weiterverwendet werden konnte.

Die Kombination der gegebenen Fassadenbauteile fiel so meist leicht. Weniger gut kombinierbar waren die unsichtbaren Bauteile und konstruktiven Elemente. Ging es beispielsweise darum, ein vorhandenes Fenster in Mauerwerk einzusetzen, wurde sofort offenkundig, dass die Kombination der vorhandenen Bauteile besondere Lösungen jenseits der gängigen, scheinbar wohlbekannten Konstruktionen erforderte. Mal musste etwas aufgefüllt werden, mal war eine Unterkonstruktion zu erdenken.

Die entsprechenden Versuche fanden im Allgemeinen zunächst ohne Beachtung des architektonischen Ausdrucks statt. Für den Lehrer war es sehr wohl eine Herausforderung, diese Momente auszuhalten. Schon nach kurzer Zeit aber dämmerte es den Verfasserinnen und Verfassern, dass das Ergebnis ein gewisses Aussehen haben würde und dieses im Idealfall einer bestimmten Idee folgen sollte. Dieser Erkenntnis folgte im ersten Schritt einen zerstörerischer, gegen die bis dahin gefertigte Arbeit gerichteter Impuls. Erst die unausweichliche Erkenntnis, dass wirklich ausschließlich mit vorhandenem Material gearbeitet werden konnte, führte zum Versuch, vorhandene Bauteile und einen wie auch immer gearteten Ausdruck zusammen zu bringen.

Die Studenten entwickelten so Ideen, die jenseits der ausgetretenen Pfade der Architekturheftchen lagen. Die bisweilen gewählte Ruinenromantik lässt sich möglicherweise kritisieren. Es waren aber auch komplexe Bauteilkompositionen zu finden, die weit über Selbstbauexperimente hinausweisen.

Wird die bewusste Verwendung vorhandenen Formenmaterials normalerweise als unzulässige Beschränkung von Möglichkeiten empfunden,  wurde sie hier akzeptiert und zum Ausgangspunkt eigener Überlegungen genommen. Gerade die Verknappung ermöglichte eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem vorhandenen Bestand.

Innerhalb des gegebenen Settings gewann die Fragen an Relevanz, wie denn die unterschiedlichen Stücke zusammenzubringen seien. Dabei wurden interessante Fragen aufgeworfen, z.B. wie klein die Einheiten sein können, um noch als ikonographisch wirksam zu gelten oder welche Zusatzstrategien nötig sind, um Ikonographie jenseits des reinen Zitats zum Sprechen zu bringen.

Natürlich brachte das Projekt auch didaktisch instabile Momente mit sich: Beispielsweise war Recycling an sich ausgeschlossen. Die Wiederverwendung von Ziegeln stellte in diesem Sinne einen Grenzfall dar. Schließlich waren die einzelnen Bauteile in diesem Fall so klein, dass man sie scheinbar verwenden konnte „wie immer“. Erst die etwas spät eingeführte Vorgabe, dass es sich um unterschiedliche Formate handele, rettete den Aufgabensteller vor einer Flut an Ziegelgebäuden.

So stehen am Ende des Versuchs schön gearbeitete „Neubaumodelle“ mit recht ordentlich konstruierten „Sonderlösungen“ und überraschend individuellem Ausdruck. Offensichtlich war dabei zu lernen, dass aus scheinbar banaler Architektur durchaus „neue“ Häuser entstehen können. Die übliche Spanne zwischen den besten und den schwächsten Ergebnissen war auch in diesem Projekt zu beobachten. Im Mittelfeld allerdings erschien mir doch eine deutlich höhere Durchdringung, insbesondere in der Zusammenstellung des „neuen“ Straßenzuges erkennbar.

Lionel Devlieger von Rotor (Quelle im Link unten) vergleicht die Verwendung vorhandener Bauteile mit der Besetzung eines Films: Jeder erfahrene Schauspieler kann bestimmte Rollen spielen, vielleicht auch ungewohnte. In diesem Bild entsprechen Architekturschaffende der Regie, die in der Lage sein muss, diese Möglichkeiten aufzuzeigen.

Das Material kehrt zurück: aus der Stadt in die Stadt. Bühne frei!