Die Theoriebildung zum Thema Umbau ist fest in denkmalpflegerischer Hand. Dabei machen schon heute Denkmäler mit einem Anteil von 1 – 2 % nur einen Bruchteil des Gebäudebestandes aus. In Zukunft – vor dem Hintergrund endlicher Ressourcen und einer wachsenden Anzahl sanierungsbedürftiger Altbauten – wird die Zahl der Umbauten jenseits der Denkmalpflege deutlich steigen. Spätestens dann wird die theoretische Entwicklung der Praxis Schritt halten müssen.
Auf dem weiten Gebiet des Bauens im Bestand ist das Vorgehen von Architektinnen und Architekten ebenso heterogen wie die umzubauenden Häuser selbst. Die Anforderungen, welche die Fachwelt, das Handwerk, die Gesellschaft und andere am Bau Beteiligte stellen, sind höchst unterschiedlich. Mal finden die einen die Technik wichtig, die anderen weniger, mal steht der Ausdruck im Vordergrund, mal wird nur auf die Funktion abgestellt und mal liegt der Schwerpunkt auf der politischen Vermittlertätigkeit.
Ob Umbau oder Neubau: Ganz generell liefern nicht einmal Fachdiskussionen ein einheitliches Bild des Berufsstandes. Allein die Debatte an deutschen Hochschulen darüber, was Absolventinnen und Absolventen denn heute zu können hätten und was man in der Folge lehren müsse, konfrontiert den Beobachter mit einer geradezu verwirrenden Vielfalt an Meinungen. Das führt nicht zuletzt dazu, dass sich manche Architekturschaffende in einzelnen Aspekten der Baupraxis von vornherein für unzuständig erklären. Unter diesen Umständen wird vermutlich auch eine einheitliche Theorie des Umbauens schwer zu formulieren sein. Die Beschreibung erfordert mehrere Theoriestränge, die man entlang bestimmter Vorgehensweisen und Strategien entwickeln könnte.
Die Entstehung des Architektenberufs wird oft als eine lineare Entwicklung beschrieben. Ausgehend von einer Art Urprofession, eines ursprünglichen und übergeordneten Baumeisterhandwerks hätten sich durch weitergehende Spezialisierung die Felder der Ingenieurswissenschaften, Technik und Architektur ausdifferenziert. Ein wenig vage geht man von einer Verästelung aus, die dazu geführt habe, dass sich nacheinander unterschiedliche Disziplinen herausgebildet hätten. So gesehen wäre die Geschichte unseres Berufs auf der einen Seite von einer stetigen Verfeinerung, auf der anderen Seite von mehrfachen Verlusten geprägt. Denn natürlich wäre mit jeder Fortentwicklung auch die Abspaltung einer oder mehrerer Kompetenzen verbunden gewesen.
Um die unterschiedlichen Strategien gerade im Bereich des Umbaus zu erklären ist diese Vorstellung nicht sehr vorteilhaft. Zu vielfältig sind die aktuellen Berufsfelder, zu früh in der Geschichte hätten die Spaltungsszenarien stattfinden müssen. Aussichtsreicher erscheint mir die Idee, die den Beruf als eine Art Sammelbecken verschiedener historischer Linien beschreibt. Diesen Ansatz möchte ich in diesem Artikel auch im Hinblick auf eine künftige Theorie der Umbaupraxis weiterverfolgen. Möglicherweise ließen sich als eine Art Nebeneffekt die Schwierigkeiten, die manche Architekturschaffende im Umgang miteinander haben, auf die sehr unterschiedlichen Traditionen zurückführen, in deren Folge sie stehen. Die jeweilige Haltung zur eigenen gesellschaftlichen Aufgabe und Bedeutung ist innerhalb der Architektenschaft ebenso unterschiedlich wie die Einschätzung der Relevanz von baulichen Ressourcen oder die Gewichtung von Theorie. Selbst die Baugesetzgebung wird unter den Kolleginnen und Kollegen unterschiedlich interpretiert. Aus all dem folgt natürlich auch eine Positionierung zur Lehre und damit zur gesellschaftlichen Bedeutung zukünftigen Umbaus. Interessant ist zu beobachten, wer sich unter welchen Voraussetzungen welcher Strategien bedient und welche Vorgehensweise zu einem bestimmten Zeitpunkt besonders dominant ist.
Kunst
Fragt man bekannte Vertreterinnen und Vertreter der Zunft, was ihren Beruf denn ausmache, wird oft dem Entwerfen ein Primat eingeräumt. Vermutlich speist sich diese Betrachtungsweise historisch aus der Figur des universellen Renaissancekünstlers, der in erster Linie Maler und Bildhauer war und sich eher nebenberuflich als Architekt betätigte. Diese Strategie stellt nicht die Technik in den Vordergrund, ihre Protagonistinnen und Protagonisten sehen sich auch nicht unbedingt als Künstler, aber sie beanspruchen eine ähnliche gesellschaftliche Position wie diese. Als Lehrende definieren sie sich in einem akademischen Sinne. Ursprünglich den Repräsentationsansprüchen des Auftraggebers verpflichtet, sind sie darauf konditioniert, eine Gefolgschaft zu bilden, die ihre Arbeiten lesen kann und unterstützt. Qualität wird hierbei häufig zu einem rein architekturinternen Problem. Von einer künstlerischen Position aus betrachtet sind weder der ökonomische noch der ökologische Aspekt des Bauens konstitutiv. Es ist daher logisch und konsequent, wenn die entsprechende Umbaustrategie nicht die Ressource, also den Wert der umzubauenden Substanz im Allgemeinen, ins Zentrum stellt, es sei denn als Verkaufsargument. Die Bedeutung des architektonischen Ausdrucks, auch die Gefolgschaft der Community wird dagegen sehr hoch gewichtet. In der Folge kann man die entsprechende Vorgehensweise auch als demonstrativen Umbau beschreiben. Dabei ist der Umstand des Umbauens ein wesentliches Thema der architektonischen Maßnahme. Die Unterscheidung von alt und neu ist zumindest heute an den meisten Stellen sichtbar und wird in einer extremen Interpretation der Charta von Venedig als Kontrast inszeniert. Das Gebäude bezieht einen wesentlichen Teil seines Ausdrucks aus dem Umstand, dass es umgebaut ist. In jedem Fall bedarf das Vorhandene einer Verfremdung und der Entwurf wird dabei folgerichtig als individuelle Leistung interpretiert. Dem oder der Architekturschaffenden gebührt die Autorschaft einer weiteren Episode in der Geschichte des Bauwerkes. Hierzu werden Gesetze häufig intelligent und originell interpretiert. Die Theoriebildung ist sehr grundsätzlich mit einer Neigung zur Metaphysik, die im Allgemeinen ausgesprochen persönlich geprägt und nur innerhalb der jeweiligen Community verallgemeinerbar ist.
Technik
In der Tradition des Ingenieurswesens (ob mit zivilen oder militärischen Wurzeln) stehend präsentiert sich die Architektur dagegen eher als eine Art von technischer Leistungsform. Das theoretische Interesse ist auf berechenbare oder zumindest vorhersehbare Zusammenhänge gerichtet. Grundsätzlich werden nur Fragestellungen zugelassen, die auch technisch lösbar erscheinen.
Das menschliche Zusammenleben erscheint aus dieser Perspektive vor allem als ein organisatorisches Problem von Hygiene, Erschließung oder Versorgung. Die Strategie schließt historisch an die Erforschung der Welt zum Zwecke ihrer Besiedelung an. Das heißt nicht, dass an formalen Fragestellungen oder Fragen des Ausdrucks kein Interesse bestünde. Sie sind im Zweifel aber nachgeordnet und werden nicht besonders thematisiert, sondern ebenso wie Ökonomie und Ökologie als eines unter mehreren Problemfeldern gesehen, die einer Lösung bedürfen. Die Mittel hierzu werden pragmatisch gewählt. Im Bereich des Umbaus bildet die vorhandene Substanz einen Parameter, der nur insoweit gewürdigt wird, als er den anderen Parametern nicht im Wege steht. Die entsprechende Methode könnte man in vielerlei Hinsicht als konstruktiven Umbau bezeichnen. Dabei kommt der Unterscheidung zwischen alt oder neu keine allzu große Rolle zu. Sie wird innerhalb dieser Architektur nicht weiter thematisiert und ist, wenn überhaupt, nur beiläufig sichtbar. Die Protagonistinnen und Protagonisten dieser Vorgehensweise sehen sich vor allem als Forschende mit naturwissenschaftlichem Hintergrund, sei es im Sammeln von Daten, sei es im Entwickeln von technischen Lösungen. Diese Perspektive drückt sich auch in einer entsprechenden Lehre aus.
Qualität steht hier in erster Linie im Zeichen der Zweckmäßigkeit, die aus der Nutzbarkeit und der Dauerhaftigkeit ableitet wird. Den Umbau versteht man dementsprechend als Mittel, die Nutzungsangebote des vorhandenen Raums oder Materials zu erweitern. Die Architektur ermöglicht eine weitere Episode in der Geschichte des Bauwerkes. In der Praxis sind in diesem Bereich die Novellierungen von Gesetzen häufig Antrieb für Veränderungen.
Handwerk
Zu teilweise ähnlichen Ergebnissen wie die „Ingenieursarchitektur“ kommt eine andere Strategie, die in erster Linie auf einer handwerklichen Basis arbeitet. Allerdings entstammt sie einer ganz anderen Tradition, nämlich der des autochthonen Bauens. Dieses speist sich aus einem Machen, das ohne akademischen künstlerischen oder technischen Hintergrund auskommt. Erstellt werden zweckmäßige Bauten, die vor dem Hintergrund einer Region oder eines Berufstands oder einer Lebensweise unmittelbar aus einer Tradition und einer Zweckbestimmung entspringen. Es ist dies ein dem Selbstbau verwandtes Verfahren, das aber nicht einem hedonistischen Verschönerungswillen oder Teilhabewunsch folgt, sondern pragmatischen Notwendigkeiten der Anpassung und des Lebensunterhalts. Die Qualität der entsprechenden Architektur ist definiert durch ihre Dauerhaftigkeit und Reparaturfähigkeit, aber auch durch die Möglichkeit zur Realisierung innerhalb eines engen regionalen Rahmens. Ressourcenschonung und Sparsamkeit sind in diesem Zusammenhang wesentliche Stichworte.
Beim Bauen im Bestand kann eine handwerklich orientierte Architektur das Vorhandene ganz selbstverständlich nutzen und ist nicht wie der künstlerische Ansatz auf eine Verfremdung der Formen und des Materials angewiesen. Entsprechend ist die Autorenschaft hier kein wesentlicher Beweggrund, eher ein Ergebnis als ein Ziel.
Über die Frage regionaler Bezüge und handwerklicher Kontinuität hinausgehend gibt es auf diesem Gebiet keine echte Theoriebildung. Die Charta von Venedig wird, wenn überhaupt, am ehesten über den Substanzerhalt integriert. Für diesen sind hier – anders als auf dem Feld der „Ingenieurarchitektur“ – nicht ausschließlich ökonomische, sondern daneben auch kulturelle und inhaltliche Bezüge verantwortlich.
Konservatorischer Umbau
Vermutlich die meisten der über lange Zeit erhaltenen Gebäude wurden im Zuge ihres Lebenszyklus mehrfach konstruktiv umgebaut. Erst wenn sie als Denkmäler registriert werden, werden weitere Eingriffe einer der beiden anderen Kategorien (künstlerisch oder eher handwerklich) zugeordnet. Daneben tritt, zumindest wenn es sich um sehr bedeutende Denkmäler handelt, häufig noch ein weiterer Umbautypus auf den Plan, der sich fast ausschließlich dem Erhalt und der Dokumentation verpflichtet fühlt. Dem Handwerk durchaus verwandt, ist diese Gattung oft gar nicht der verfassten Architektenschaft zuzuschreiben. Der Pflege des Bestandes aus kulturhistorischen Gründen verpflichtet fühlen sich vielmehr Disziplinen wie Bauforschung, Kunstgeschichte oder Restaurationswesen.
Diese Linie kommt wohl ganz ursprünglich aus der Archäologie und der Erforschung des Vergangenen. Über die Bauforschung der seinerzeit dazu geholten Architekten ist sie auch in die technischen Disziplinen der Fachausbildung eingewandert. Die entsprechende Planung versteht sich ausdrücklich nicht als Entwurf im Sinne des demonstrativen Umbaus. Nicht zuletzt deshalb könnte man versuchen sie als Sonderfall des handwerklichen Bauens zu begreifen. Sie entstammt aber keiner autochthonen Praxis. Es handelt sich eher um eine hochspezialisierte Verfeinerung des Handwerks, das sich mit kunsthistorischen Kenntnissen und Techniken aufgeladen hat. Den Umbau, der hieraus folgt, könnte man konservatorischen Umbau nennen.
Ihm geht es um den denkmalpflegerisch „richtigen“ Erhalt der Substanz, dazu gehört insbesondere das Gebot der Reversibilität. Vorsichtig wird möglichst wenig hinzugefügt oder weggenommen, das Ziel ist meist einen kulturhistorisch wichtigen Bestand zu schützen. Nicht dessen Nutzungsausweitung oder Änderung steht im Vordergrund, sondern der Erhalt und die Sicherung für die Nachwelt.
Dementsprechend sind Theoriebildung und Lehre weniger auf dem Umbau selbst gerichtet als ein Teil der kunsthistorischen Betrachtung, in diesem Sinne weniger ökonomisch oder ökologisch als geisteswissenschaftlich, also ikonographisch und kunstgeschichtlich geprägt. Autorschaft verfolgt in diesem Zusammenhang die Idee, sich ganz zurückzunehmen, um dem ursprünglichen Autor wieder Wirkung zu verschaffen. Je älter der Bestand ist, umso mehr tritt auch die Nutzung gegenüber der kulturellen Bedeutung in den Hintergrund.
Die Baumaßnahmen unterliegen meist einem eigenen juristischen Rahmen, weil die gängige Baugesetzgebung oft gar nicht angewandt werden kann. Wenn allerdings der Anpassungsdruck zu hoch ist, wird versucht mit Ausnahmetatbeständen zu operieren. Nicht zuletzt deshalb braucht der konservatorische Umbau einen starken gesellschaftlichen Rückhalt. Je nach Einsatzfeld hat der Konservator durchaus mit gesellschaftlichen Akzeptanzproblemen zu kämpfen, denn der Erhalt mancher Zeitschicht ist den Menschen nicht unmittelbar plausibel.
Moderation
Gerade die Frage der gesellschaftlichen Plausibilität von Bauprojekten ruft seit einiger Zeit ein weiteres Tätigkeitsfeld auf den Plan. Der Wunsch nach Teilhabe an der Gestaltung der eigenen Umwelt, der sich in einer erstarkenden Do it yourself Bewegung spiegelt, aber eben auch partizipative Prozesse erzwingt, hat unterdessen auch Berufsfelder der Bauproduktion erreicht. Agieren Einzelne in den eigenen vier Wänden möglicherweise noch handwerklich autodidaktisch, so braucht es für größere Gruppen Moderatorinnen oder Moderatoren. Diese gestalten Architektur weniger selbst als ihren Sachverstand in die entsprechenden Prozesse einzubringen, innerhalb derer sie sich als Katalysatoren verstehen. Die Autorschaft wird ganz oder teilweise an die zu moderierende Gruppe übergeben. Die Lehre bereitet auf solche Tätigkeiten nur unzureichend vor. Das ist schade, denn vermutlich handelt es dabei sich um eine mögliche Nische für künftige Absolventinnen und Absolventen.
Rekonstruktiver Umbau
Grundsätzlich können Umbauten, die aus einer Moderation hervorgehen, ganz verschiedene Ausprägungen annehmen. Das Primat der Laienmeinung führt aber eben auch dazu, dass Teilhabeprozesse Strategien, die von der Fachwelt abgelehnt werden, plötzlich zu einer gleichwertigen, manchmal sogar bevorzugten Variante erheben. So etwa den rekonstruktiven Umbau, der in den meisten anderen Entscheidungsprozessen kaum eine echte Alternative darstellt.
Mit ihm soll ein (angenommen) ursprünglicher Zustand (wieder) erreicht werden. Der vermeintliche Gegensatz von alt und neu wird dabei weitgehend unsichtbar. Die Wiedererlangung eines Gefüges bzw. einer Atmosphäre steht als Ideal im Vordergrund, demgegenüber ist die Funktion sehr oft nachrangig. Auch Fragen der Bautechnik werden im Allgemeinen nicht offensiv thematisiert, ebenso wenig wie ökonomische Vernunft.
Nachdem der rekonstruktive Umbau kunsthistorische Befunde oft zugunsten einer bestimmten Stimmung zurückstellt, treten andere Architekturschaffende sowie Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker ihm gegenüber meist als retardierendes Element oder sogar als Gegner auf. Dies sollte nicht davon ablenken, dass es sehr erfolgreiche Beispiele für Rekonstruktionen und rekonstruktive Ergänzungen, etwa in den wiederaufgebauten Altstädten von Warschau und Münster, gibt, die interessanterweise nur selten Teil der fachinternen Debatte sind. Vermutlich sieht sich die Architektenschaft durch die Rekonstruktion in ihrem Originalitätsanspruch bedroht, die Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker fürchten um wissenschaftliche Sachlichkeit im Umgang mit dem Bestand. Die Ressourcenschonung ist nur im Ausnahmefall Gegenstand dieser ikonographisch geprägten Strategie.
Der reine Typ?
Natürlich kommen die hier charakterisierten Facetten des Berufsbildes in kaum einem Fall in Reinform vor. Möglicherweise ließen sich überdies noch weitere Typen identifizieren. Gut denkbar auch, dass einzelne Architekturschaffende im Verlauf ihres Berufslebens mal die eine, mal die andere Strategie einsetzen. Mitunter aber konkurrieren die unterschiedlichen Vorgehensweisen miteinander. Eine künstlerisch geprägte Architektur hat nicht nur beim Umbau ein Akzeptanzproblem, das die Moderation ganz bewusst umgeht. Die handwerkliche Strategie ist dagegen eher mit der Fragestellung konfrontiert, ob sie sich auf alle Anforderungen anwenden lässt. Insofern ist sie mit einem etwas eingeschränkten Wirkungskreis dem konservatorischen Umbau verwandt, der zwischen hoher Akzeptanz bei vermeintlich schönen Gebäuden und sehr niedriger Akzeptanz bei ungeliebten Denkmälern schwankt.
Im Zuge der zunehmenden Bedeutung von Umbau ist eine künftige Verschiebung innerhalb der Wertschätzung bestimmter Strategien denkbar: Möglicherweise wird das Primat des künstlerischen Entwurfs zugunsten der technischen Ingenieurleistung in den Hintergrund treten. Wenn tatsächlich der Ressource „Bau“ in Zukunft ein größerer Stellenwert zugesprochen wird, wofür vieles spricht, könnten mit dieser Tendenz handwerkliche Strategien stellenweise besser vereinbar sein als die große entwerferische Geste.
Allerdings: Allein gestützt auf das Ressourcenargument wird Umbau der Breite der Bevölkerung auf Dauer nicht vermittelbar sein. Irgendwer wird auch die architektonischen Bilder produzieren müssen, hinter denen sich die Leute versammeln können. Insofern ist durchaus eine künftige Umbaukultur denkbar, in der sich die unterschiedlichen Strategien gegenseitig ergänzen.
Derzeit aber sind interessanterweise fast ausschließlich Projekte des demonstrativen Umbaus Gegenstand der architektonischen Debatte. Lediglich verschleiert wird dieser Tatbestand dadurch, dass ein großer Teil von ihnen als konservatorisch deklariert wird. Auch in der Lehre gibt es – vom Spezialgebiet der Denkmalpflege abgesehen – bislang keine ernsthaften Versuche, die in der Praxis viel differenziertere Herangehensweise zu würdigen. In der Nachfolge des Bauhauses wird nach wie vor im künstlerischen Aspekt der mit Abstand wichtigste Teil der Ausbildung gesehen.
Grundsätzlich halte ich keine der beschriebenen Haltungen für besser oder schlechter als die andere. Wesentlich erscheint mir dagegen eine qualitativ hochwertige Ausformulierung. Es gibt in jedem Feld die ganze Spanne von guter bis schlechter Architektur! Ich weiß, dass ich hiermit durch die Hintertür einen Qualitätsbegriff einführe, der im Vorfeld des Gebauten schwierig zu überprüfen ist. Sicherlich würde es dennoch die Diskussion bereichern, wenn die einzelnen Gruppierungen nicht davon ausgehen würden, das jeweils andere Lager disqualifiziere sich schon in der Grundhaltung oder bereits die Wahl einer bestimmten Strategie sei eine Qualitätsgarantie.