Impulsvortrag am KIT in Karlsruhe 2011
Authentizität ist ein problematischer Begriff.
Üblicherweise nehmen wir an, dass Authentizität fest mit den Dingen verbunden sei. Wir assoziieren damit sozusagen eine geistige, den Dingen inhärente Dimension. Ein geistige Dimension, die man sieht oder zumindest spürt, und die man als praktizierender Architekt im Idealfall auch herstellen kann (und sollte). So enthält der Begriff eine esoterische, moralische Komponente, die im Produktionsprozess von Architektur nur schwer zu handhaben ist.
Es ist mir daher ein Anliegen, die Idee der Authentizität etwas unabhängiger von eben diesem moralischen Aspekt zu machen.
Athur C. Danto, der große amerikanische Kunsthistoriker, berichtet in seinem Buch „Die Verklärung des Gewöhnlichen“ von einer fiktiven Ausstellung identisch aussehender Gemälde. Eines der Bilder zeigt ein rotes Quadrat mit dem Titel „Die Israeliten, die das rote Meer durchqueren“. Wäre dieses Sujet von Altdorfer oder Pousainc bearbeitet, würde man ein völlig anderes Gemälde, würde man Scharen von Menschen in verschiedenen Haltungen der Panik, würde man die ägyptische Armee im Hintergrund im Anmarsch erwarten. Stattdessen präsentiert Danto in seiner imaginären Galerie ein Viereck aus roter Farbe. Dem Autor zufolge erklärt der Künstler, die Israeliten seien bereits vorbeigezogen, die Ägypter schon ertrunken.
Ein weiteres Bild (offenbar in der Malewitsch-Nachfolge) mit dem Titel „Red Square“, rotes Quadrat. Noch ein “ Red Square“, er stammt aus der neorealistischen Schule Russlands kurz nach Stalins Machtergreifung. Der Titel bedeutet übersetzt: „Roter Platz“.
Auch von einer bleirot grundierten Leinwand ist die Rede, auf die Giorgione sein unrealisiertes Meisterwerk „Sacra Conversatione“ gemalt hätte, wäre ihm nur ein längeres Leben vergönnt gewesen. Dieses Ausstellungsstück sei kein eigentliches Gemälde, aber dennoch von kunsthistorischem Interesse, da Giorgione die Leinwand eigenhändig grundiert habe. Danto schildert noch weitere rote Bilder und versucht anhand dieser phänotypisch identischen, genotypisch aber vollkommen unterschiedlichen Werke zu erläutern, was nun als Kunst gelten könne und was nicht. Es ist nicht wirklich wichtig, ob diese Bilder existieren, schließlich wäre dies zweifellos denkbar.
In unserem Zusammenhang sind Dantos Ausführungen deshalb interessant, weil sie verdeutlichen, dass wir trennen müssen zwischen den Bildern selbst und den Erzählungen von eben diesen Bildern, ja mehr noch: Dass es ganz offenbar Bilder gibt, die nur innerhalb der Geschichten differieren, die mit ihnen verknüpft werden. Bilder und Erzählungen können ganz offenbar vollkommen unabhängig voneinander betrachtet werden.
Architektur unterscheidet sich zweifellos von den bei Danto beschriebenen Gemälden, dennoch können wir auch hier das Objekt selbst als weitgehend unabhängig von der Erzählung über eben dieses Objekt sehen. Möglicherweise müssen wir annehmen, dass ein architektonisches Werk jeweils zum Gegenstand einer ganzen Reihe paralleler Überlieferungen werden kann.
Was, wenn man nun Authentizität im hier behandelten Zusammenhang als spezielle Art der Erzählung über Architektur auffassen würde?
Natürlich:
Üblicherweise geht der Begriff der Authentizität davon aus, dass eine Art echter, über alle Geschichten und Zuschreibungen hinweg gültiger Urgrund sozusagen fest mit einem Objekt verbunden sei.
Das Lob der Authentizität verleiht der Hoffnung Ausdruck, dass es eine unverhandelbare, zeitlos gültige Größe gäbe, welche die Dinge der Beliebigkeit entreiße. Die Vorstellung von etwas Überästhetischem, das sozusagen von selbst Ästhetisches erzeugt, ist ein tröstlicher Gedanke.
Aber:
Grundsätzlich steht die Vorstellung, dass es sich bei Authentizität um eine spezielle Erzählung handele, dieser beruhigenden Wirkung nicht im Wege. Allein der Gedanke, dass es uns nicht mehr gelingen könnte, wirklich auf eine solche Narration zu vertrauen, mag als bedrohlich empfunden werden.
Wenn wir Authentizität also als Erzählung auffassen, so sind an letztere möglicherweise besondere Anforderungen geknüpft.
Um die Zuschreibung des Prädikats „authentisch“ zu gerechtfertigen, müsste deren Inhalt vermutlich besonders glaubwürdig, besonders plausibel sein.
Das Vorhandensein (oder nicht Vorhandensein) dieser Plausibilität allerdings ließe sich vergleichsweise einfach feststellen: Plausibel, also überzeugend, ist etwas, an das möglichst viele Menschen zur selben Zeit zu glauben vermögen. Möglicherweise könnte man die Frage nach der Plausibilität einer entsprechenden Erzählung und damit nach der Authentizität sogar zu einer Frage von Mehrheiten machen.
Mir ist klar, dass diese Idee vom klassischen Authentizitätsgedanken abweicht, und dennoch könnte man eine ganze Reihe von Problemen im Zusammenhang des Authentizitätsbegriffes sehr schlüssig beantworten.
So wäre innerhalb des von mir vorgeschlagenen Modells die Frage lösbar, warum beispielsweise bestimmte Gebäude im 19. Jahrhundert Authentizität beanspruchen konnten, dies heute aber nicht mehr leisten. Irgendetwas muss sich da wohl verändert haben. Innerhalb des traditionellen Modells ist solch ein Verlust von Authentizität kaum erklärbar. Man kommt schnell an den Punkt, an dem man dem Gebäude sozusagen rückwirkend die Authentizität absprechen müsste. Das ist gedanklich natürlich sehr unbefriedigend, zumal sich ja möglicherweise nur die Plausibilität der dazugehörigen Erzählung geändert hat.
Ginge man noch einen Schritt weiter, könnte man Authentizität als eine Art Verabredungsmodell definieren, in dessen Rahmen deren Gültigkeit ständig neu verhandelt wird, geradezu verhandelt werden muss. Authentizität w ürde so eher zu einer Art Vereinbarung dessen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt für authentisch gehalten werden kann.
Solch ein Modell dehnt den traditionellen Begriff von Authentizität vermutlich bis an seine äußersten Grenzen, aber: Manchmal muss man Vorstellungen erweitern, um überhaupt mit ihnen arbeiten zu können.
Für einen Architekten ist es wichtig, Begriffe operabel zu halten. Ist es für ihn doch entscheidend, mit einer gewissen Sicherheit zu einem bestimmten Ergebnis zu kommen, im vorliegenden Zusammenhang: Über eine verlässliche Methode zu verfügen, um einen vergleichsweise hohen Level an Authentizität zu erreichen. Eine solche Methode könnte auch die zulässigen Strategien definieren, mit denen Authentizität erzeugt werden kann.
Zur Abgrenzung eben dieser Zulässigkeit könnte man dann Dantos Ausstellung ein weiteres Bild, diesmal von Lucio Fontana, hinzufügen wiederum das bekannte rote Quadrat, doch der Unterschied zu allen anderen ist, dass Fontana die Leinwand zerschnitt.