Im Programm des Kongresses heisst es
Die Stadt zerfällt – in
alt und neu,
arm und reich,
durchgeplant und planlos,
angeschlossen und abgehängt.
Wenn das stimmt und vieles spricht dafür …
Dann ist es tatsächlich eine Frage ob es ausgerechnet Architektur und Stadtplanung, gelingen kann die Einzelteile wieder zusammenzufügen? Das hängt auch von der Frage ab
Warum zerfällt die Stadt?
Die sozialen … die politischen… die räumlichen … Begebenheiten der Städte in denen wir leben verändern sich ständig.
Wenn es in der Geschichte der Städte überhaupt eine Konstante gibt, dann ist es der Wandel …
und dennoch es gelang über Jahrhunderte hinweg, die unterschiedlichen historischen Schichten und auch das gesellschaftliche Gefüge immer wieder zu einer übergeordneten Einheit zu verbinden.
Vermutlich ist es die eigentliche Leistung des Systems Stadt immer wieder diese Einheit herstellen zu können…
Immer wieder ein Bild produzieren zu können dessen
Vorteile so offenkundig sind, dass sich eine grosse Zahl an Menschen dahinter versammeln kann
Das ist nicht so selbstverständlich…
denn Die Stadt ist in jedem Fall das grösste und wahrscheinlich auch das wertvollste Artefakt das Menschen herstellen.
Die Menschen brauchen mit Abstand die meisten ihrer Ressourcen für dieses Artefakt und es ist das sichtbarste Aller von Menschen erstellten Dingen.
Die architektonische Stadt also der bauliche Ausdruck dieses Artefakts …
die materielle Ausprägung der Stadt …
ist in ihren Teilen dabei aufeinander bezogen organisiert und damit auf „gegenseitige Erläuterung“ der einzelnen Häuser…
der Teile … der Erinnerungen und Bedeutungen ausgelegt.
Die Stadt ist sozusagen selbsterklärend gedacht.
Betrachtet man die Architektur alleine so spricht die Stadt einen komplexen Dialekt, dieser Dialekt bedarf durchaus einer entsprechenden Bildung, um verstanden zu werden.
Ein Dialekt dessen Aussagen oft widersprüchlich sind..
… oft von Brüchen geprägt sind und dennoch ist es ein Dialekt der darauf angewiesen ist lesbar zu sei…
der darauf angewiesen ist gelesen zu werden.
… gelesen im Sinne einer Erlebarkeit
Mehr noch …. auch alle nicht architektonischen Teile der Stadt brauchen diese Lesbarkeit.
Um die Stadt erleben zu können muss man ihre Sprache oder zumindest relevante Teile davon erlernen.
Ein nicht unwesentlichen Teil dieses Erlernens findet durch Erfahrung statt … dadurch, dass man Stadt und ihre Artefakte.. ihre Abläufe… erlebt …
dadurch dass man Stadt ganz unmittelbar erfährt.
Unmittelbare Erfahrung ist ein sehr langsamer Vorgang.
Zumindest ist unmittelbare Erfahrung nicht beliebig beschleunigbar sie ist verknüpft mit einem Zeitablauf…
Es ist so wie selbst der schnellste 100 m Läufer auch in aller Zukunft immer eine gewisse Zeitspanne brauchen wird die 100 m zu durchschreiten so gibt es eine Grenzzeit die notwendig ist… dass eine bestimmte Gruppe von Menschen eine bestimmte Erfahrung machen kann.
An dieser Stelle trifft der Wandel auf Zeit.
In der Geschichte der Stadt scheint der Wandel… der Erwerb der Sprachfähigkeit durch Erfahrung bisher so langsam erfolgt zu sein, dass zumindest die meisten Leute die Veränderungen mitvollziehen konnten…
Vielleicht nicht alle Leute aber in jedem Fall die relevanten Leute.
Um die anderen die … nennen wir sie einmal …
die nicht relevanten Gruppen… hat man sich nicht gekümmert… man hat sie einfach nicht beachtet …
so etwas ist in nichtdemokratischen Gesellschaften möglich.
So lebten wir schon immer in Städten aus arm und reich aus alt und neu, aus durchgeplant und planlos, aus angeschlossen und abgehängt
…dennoch es hielt sich irgendwie die Waage…
Wie in einem Ökosystem gibt es die verschiedensten Städte innerhalb der grossen Stadt
Und keiner bekommt die ganze Stadt …
es existieren parallele Städte
Und mehr noch diese parallelen Städte konkurrieren miteinander…
.. die Lager die sich durchsetzen wollen sind aber zunehmend weniger erkennbar und die Gruppen und deren Beziehungen untereinander werden immer komplexer und in der Folge gibt es Nutzungen, Massnahmen, Veränderungen die die Menschen nicht mehr erreichen…
Ja es gibt Maßnahmen die nicht einmal mehr in der Zielgruppe ankommen für die sie gedacht waren.
Je mehr parallele Städte sich Einfluss verschaffen… je mehr parallele Welten zu synchronisieren sind desto heikler der einzelne Eingriff desto disruptiver der Wandel.
Das liegt erstmal nicht an der Architektur der Stadt sondern an der Frage ob die Zeit ausreicht … dass genügend Menschen diese Stadt und ihren Wandel erfahren und in ihre Lebenswelt einbauen können …
Die Zeit, die die Erfahrung braucht ist mehr oder minder eine Konstante und nicht beliebig zu beschleunigen.
In der demokratisierten Gesellschaft hat die Zahl der relevanten Leute zugenommen und sie nimmt weiter zu.
Der Anteil der Leute die mitgenommen werden müssen wird immer grösser und gleichzeitig nimmt die Ausdifferenzierung dieser Gruppen zu …
Das heisst die parallelen Städte und Welten werden in immer kürzerer Zeit immer mehr und man fragt sich gibt es das Gesamtgefüge noch?
Dabei ist offenkundig dass es die Stadt noch gibt.
Es ist aber auch offenkundig dass es die eine Stadt nicht gibt …
die Stadt ist nämlich jenes System aus parallelen Städten…
Jenes Amalgam aus Zeichen und Materie… gebunden an Erfahrung und damit an Zeit.
Und Stadt ist eine Glücksmaschine und jede der parallelen Städte will ihren Anteil.
Und spätestens hier wird die Sache unübersichtlich.
Wie funktioniert das?
Wie lässt sich Stadt erfahren?
Wie findet der Ausgleich der parallelen Städte statt?
Wo wird das verhandelt ?
Wer moderiert das ?
Die repräsentativen Systeme sind bisher weder auf das gestiegene Kommunikationsbedürfnis noch auf das steigende Teilhabebedürfnis der Menschen vorbereitet.
Die Abläufe kommen aus Zeiten, in denen eine bloße Mehrheit in gewählten Gremien mehr oder minder ausreichend für die Durchsetzung bestimmter Interessen war.
Nicht nur am Beispiel von Großprojekten kann man das Dilemma beobachten, das daraus resultiert, dass die Forderung der Menschen nach Teilhabe sich ganz offenbar verstärkt, ohne dass wir planerisch darauf eine adäquate Antwort zu bieten hätten.
Ich glaube das ist ein unumkehrbarer Prozess, und damit sind die Einführung der entsprechenden direkteren Demokratieelemente unumgänglich.
Demokratie wird direkter werden müssen
Schließlich können unterdrückte Konflikte zu Spannungen führen, die auf Dauer das ganze System in Frage stellen.
Die Initiative „Deutsche Wohnen und Co enteignen!“ beispielsweise ist natürlich Ausdruck einer solchen Spannung auf einem Feld von vielen…
Ich denke man muss da aus vielen Gründen dagegen sein.
Aber diese Spannung konnte sich halt auch erst aufbauen weil beispielsweise die Reform der Bodenordnung mit Planungswertausgleich von der SPD unter Hans Jochen Vogel trotz ansich vorhandener Mehrheiten 1974 ganz knapp abgelehnt wurde …
und sich danach auch von den grossen Parteien niemand mehr darum gekümmert hat . . .
Im Prinzip die diesen Sommer abgeschlossene Baulandkomission eben auch nicht.
Das ist zwar keine Architektur.. aber es ist halt ein wesentlicher Teil der Frage wie leben wir in einer Stadt zusammen.. vielleicht sogar wesentlicher als Architektur.
und es ist klar
Mehr Mitspracherecht beziehungsweise Mitentscheidungsgewalt führt zu einer steigenden Zahl an Diskussionsteilnehmern.
Dies gilt umso stärker für große Maßnahmen in großen Gesellschaften:
Schon heute will sich in solchen Fällen eine beachtliche Anzahl von Betroffenen artikulieren, um Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen.
So bedeutet zunehmende Demokratisierung selbstverständlich auch zunehmende Teilhabe
und mit der Zahl der Teilnehmer steigt die Zahl der notwendigen Verknüpfungen
und damit dieZahl der notwendigen Erfahrungen
und damit steigt der Bedarf an Zeit
Die Geschwindigkeit des Wandels ist für die Zahl der parallelen Welten zu hoch .
die Abstimmung funktioniert nicht mehr … die Erfahrung ist nicht möglich die Stadt zerfällt.
Mehr noch wir arbeiten beständig daran diesen Zerfall noch zu beschleunigen
ist es doch eine der Maximen unseres Wirtschaftskreislauf das Bestehende permanent in Misskredit bringen um es gegen etwas besseres …
etwas neues auszutauschen …
es konstituiert unsere Wirtschaftsform, dass der Umschlag mit einer gewissen Geschwindigkeit passiert …
das Ersetzten des Alten durch das Neue hält die Wirtschaft in Gang . . . ja wir desavouieren das alte um den Kreislauf aufrecht zu erhalten wie Zygmunt Bauman das nennt.
Unterdessen nehmen die Menschen diesen Austausch als Entfremdung wahr
als Zerfall der Stadt
Wenn das so ist dann ist daran nicht der Wandel an sich schuld ….
sondern der Umstand dass das Verhältnis von Erfahrungszeit zu Wandlungsgeschwindigkeit nicht mehr stimmt.
Das wird als Zerfall der Stadt wahrgenommen ……
die Architektur alleine wird das nicht lösen können
Aber die architektur muss ihren Beitrag leisten sie muss mindestens für Ihren Bereich Angebote machen … und natürlich auch Forderungen aufstellen die gehört werden … die diskutiert werden können
Die Architektur muss ein Teil des grossen Wandels werden der natürlich nicht nur architektonisch sein kann.
Es gilt ganz allgemein … …es geht um Entschleunigung ….
Das bedeutet dass die Schritte kleiner werden müssen
Es bedarf kleinerer Verwandlungen
es bedarf Verwandlungen die peripherer …
weniger disruptiv sind …
das ist mühsam … lästig
das wird nicht jedem gefallen wo es doch sooo viel einfacher ist die Dinge einfach auszutauschen …
wo man doch sooo viel mehr Geld verdienen kann wenn man die Dinge einfach ersetzt
… es bedarf eines beständigen Umbaus nicht einer plötzlichen Neuerung
Für die Architekten und Stadtplaner hiesse das
Die Stadt müsste langsamer werden.
Stadt müsste sich der Erfahrungszeit angleichen und so evolutive Anpassung ermöglichen
Wir müssen aufhören unsere Stadt und vor allem ihre Teile permanent neu denken zu wollen.
Der Mensch ist ein soziales Wesen und Der Mensch ist ein räumliches Wesen
Menschen verknüpfen ihre räumlichen Erfahrungen mit ihren Erlebnissen… Erwartungen… Erfahrungen.
Diese Verknüpfungen müssen wir ernster nehmen
Daher muss sich der Wandel verlangsamen
das geht nur wenn wir aufhören das Bestehende schlecht zu machen um es zu zerstören
im Gegenteil es muss sich so langsam wandeln dass sich parallelen Welten in parallelen Zeiträumen anpassen können
Eine Strategie könnte eine Reversibilität sein …
Reversibilität meint in diesem zusammenhang dass man erst einmal die Dinge die man tut so tut, dass man sie rückgängig machen kann… dass sie reversibel sind . . . das ist nicht einfach im architektonischen Bereich … dennoch ist es besser eine falsche Annahme revidieren zu können als darauf zu setzen dass was einmal schief gegangen ist bei nächsten mal schon besser gehen wird.
Es wird darum gehen dass wir Dinge auch probeweise tun können auch um ihre Wirkung zu prüfen … auch um sie überhaupt erst durchsetzbar zu machen.
Beides Entschleunigung und Reversibilität bedeutet, dass das was bereits da ist wichtiger werden muss
Das bedeutet die Substanz muss wichtiger werden
der jetzige Bestand darf nicht beständig desavouiert werden
die Verwandlung muss verlangsamt werden …
unsere Massnahmen müssen reversibel sein.
Für die architekten und stadtplaner bedeutet das sie müssen die Verknüpfungen mit dem Baubestand wieder ernster nehmen, um zu einer neuen Kultur des Weiterbauens unserer Städte zu gelangen.
Berufständische Verlautbarungen
die vielen Chartas und Manifeste helfen da wenig
zumindest wenn sie zwar demokratisch abgestimmt werden sollen aber eben nicht demokratisch erarbeitet wurden
… es helfen uns keine begriffe wie die europäische Stadt oder als Gegenposition die aufgelockerte Stadt der Moderne
bei Licht betrachtet sind diese Schlagworte nur parallele Welten die im Widerstreit liegen.
Diese Begriffe zeugen von der Sehnsucht es könnte gelingen die Stadt als die eine Stadt zu beschreiben,
und so zu den alten Zuständen der Eindeutigkeit… wenn es sie dann jemals gab wieder zurück zu kehren.
Entschleunigung … Reversibilität… Substanzerhalt
Ich plädiere für eine Position des Erhaltes aber eben nicht um zu einem vermeintlich glücklicheren Zustand zustand zurückzukehren
Und es geht auch nicht um eine denkmalpflegerische Positionierung
wobei denkmalpflege schon ein Entschleunigungsinstrument ist wenngleich grad mal für die 2 % unserer Gebäude die unter Denkmalschutz stehen.
Ich plädiere für eine Position des Erhalten aber eben nicht um als neue Radikalposition um allen Wandel auszuschliessen …
Mein Plädoyer ist ganz moderat den Status Quo der Stadt … den Bestand der Stadt weiterzuverwenden …
Weiter zu nutzen
weiterzuentwickeln
Das wird nicht von selbst geschehen und es ist auch nicht zu wenig ambitioniert…
Ich habe gesagt gemässigt weiterentwickeln
und zwar so dass die Menschen mitkommen können . . .
Und zwar so dass die parallelen Welten sich anpassen können
Und zwar so dass die Stadt erfahrbar bleibt
und zwar Erfahrbar für die Vielen.
Sonst droht das Bewusstsein für den ikonographischen Wert von Gebäuden
wie er in der Kultur,
In den Erinnerungen,
In den Vorstellungen …. repräsentiert wird … verloren zu gehen
Sonst droht die Summe der Erfahrungen und Erwartungen, die mit der Funktion oder Typologie, verbunden werden, zerstört zu werden.
Auch das ist der Zerfall der Stadt.
Wie sagte Mies van der Rohe ?
man kann nicht jeden Montagmorgen eine neue Architektur erfinden.
Man kann auch nicht jede Woche eine neue Stadt erfinden
Mehr noch man darf es gar nicht .