“In the world of goods,
as in worlds of any other sort,
each element is just one
interdependent fragment of a larger whole.”
Harvey Molotch
Man kann die Welt als ein Netz denken, ein Gewebe, in dem alles mit allem verbunden ist.
Die Worte, die Bilder, die Objekte und natürlich auch die Architektur.
In solch einer Welt ist alles aufeinander bezogen, alles sind miteinander verbundene, verkettete Elemente, Elemente eines alles umfassenden… großen Ganzen.
Was immer wir für ein Phänomen betrachten, sehen wir doch stets nur einen Ausschnitt aus all den verwobenen Beziehungen, die unter anderem zu eben diesem … betrachteten Phänomen geführt haben.
Ein Feld, auf dem diese Interdependenzen gegenseitiger Abhängigkeiten
sehr genau untersucht sind, ist die Literatur.
Mit dem Begriff der Intertextualität wird in der Literaturwissenschaft die Idee beschrieben,
dass alle Texte miteinander verwandt seien,
dass ein Text nicht ohne die Gesamtheit aller Texte denkbar ist.
Der Begriff Intertextualität selbst stammt von Julia Kristeva, die in den sechziger Jahren die Idee der Dialogizität von Michel Bachtin aufnimmt und zu einer Theorie der Intertextualität ausbaut.
Bei Texten ist die Verwandtschaft zu anderen Texten unmittelbar einleuchtend.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich im Bewusstsein der Intertextualität die Art der Betrachtung von Texten verschiebt:
Üblicherweise wurden Texte im Hinblick auf die Intentionen des Autors gelesen, sodass sozusagen die Frage „Was will der Autor?“ im Mittelpunkt stand.
Nun wird das Verhältnis von Texten untereinander und miteinander untersucht.
Das heißt natürlich auch, dass der Autor und seine Absichten weniger wichtig sind,
es geht eher um die Beziehung der Texte untereinander, die nun ins Zentrum des Interesses kommt.
Bruno Reichlin unternimmt in seinem zauberhaften Buch „De la solution élégante à l’oeuvre ouvert“ den Versuch, die Methodendiskussion der Intertextualität für Architektur fruchtbar zu machen.
Er untersucht das Schaffen Le Corbusiers minutiös auf die im Werk aufscheinenden
Beziehungen, Briefe, Erlebnisse und Begegnungen des großen Architekten und fördert, wohl gerade weil er sich auf eine Analyse des Werks selbst konzentriert, viele überraschende Einsichten zutage.
Dabei versteht er Architektur als eine Art Text, den man analysieren und entschlüsseln kann.
Text bedeutet so viel wie Gewebe (von texere = weben).
Ein Gebäude wird so als ein Gewebe von miteinander verketteten Kausalitäten aufgefasst.
Ein Text, aus dessen Verwobenheit man ein Verständnis der Architektur und ihrer Netze entnehmen können soll.
So wird Architektur zu einer Sprache und in der Tat, wir operieren mit einer Fülle von Beziehungen und Verwandtschaftsvermutungen: Architektursprache, Zeichensprache, architektonisches Vokabular.
Ob man Architektur im engeren Sinne als Sprache bezeichnen darf, ist fraglich. Sie verfügt über keinen festen Wortschatz und auch über keine festgelegten syntaktischen Regeln,
beides gehört aber zur Definition einer Sprache.
Wenn schon nicht Sprache im eigentlichen Sinne: Könnten wir uns aber vielleicht darauf einigen, Architektur als ein Zeichensystem zu verstehen, das sprachadäquate Züge aufweist?
Natürlich sind an dieser Stelle Sprache und Text und Schrift als eng miteinander verwandt gedacht.
Text kann mittels Schrift notiert werden. Schrift ist ein grafisches Zeichensystem, das man entschlüsseln kann, und so das, was der Text ausdrücken wollte, wiederum in Sprache oder sogar in Laute rückübersetzen kann.
Die Semiotik beschreibt diese Entschlüsselungs- und Übersetzungsprozesse.
Dabei ist diese Lehre von den Zeichen kompliziert. Seit Plato und seinem Kratylos Dialog versucht sie mit wechselnden Ansätzen ein System aus Ikonen, Indizes und Symbolen zu erklären. [CB1]
Architektur passt da nicht gut hinein, hat sie doch immer auch einen räumlich materiellen, sozusagen einen phänomenologischen Aspekt und dazu noch einen performativen Anteil (wie Jörg Gleiter feststellt).
Dabei ist die Hoffnung, Architektur zu verstehen, eine sehr alte Idee, die letztlich aus dem Bedürfnis kommt, Architekturen untereinander und vor allem mit anderen Künsten zu vergleichen.
Dieser Paragone genannte Wettstreit wollte seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts herausfinden, welches die bedeutendere Kunst war: Dichtkunst oder Malerei, Skulptur oder Relief. Um so etwas zu entscheiden, ist es an sich zwingend, dass Ästhetik dazu verwandt wird, alle Kunst zu Texten zu erklären, die man lesen muss.
Es geht bei diesem Wettstreit also nicht darum (wie Gernot Böhme sagt), die Wirklichkeit der Architektur zu erfahren, sondern es geht darum, die Kunst zu verstehen, das heißt herauszufinden, was sie bedeutet. Wenn das das Ziel ist, dann ist die Idee von Architektur als Text sehr leistungsstark.
Wenn wir Architektur als eine Sprache begreifen, die als eine Art Text in einem einzelnen Entwurf niedergelegt ist, dann müssen wir so etwas wie ein gemeinsames Formenreservoir annehmen, eine Art überdauerndes Vokabular, aufbewahrt in einer Art kollektivem Gedächtnis, ein Reservoir, das all die Erinnerungen enthält, die wir in unseren gebauten Texten evozieren wollen.
Zweifellos ist Architektur aus Referenzen zusammengesetzt,
zweifellos berichten diese Referenzen von unseren Erinnerungen,
zweifellos ähneln diese Referenzen Worten, die wiederum eine Art Text zu bilden vermögen.
Zweifellos kann man so entwerfen.
Aber muss man so entwerfen?
Kann man den Entwurf dann lesen wie einen Text?
Lesen in diesem Zusammenhang bedeutet entziffern, entschlüsseln.
Ist Architektur wirklich ein Stein von Rosetta?
Der gebildete Mensch erkennt, dass der Königsbau der Residenz von Leo von Klenze in München aus dem Palazzo Ruccelai und dem Palazzo Pitti in Florenz zusammengesetzt ist, der Platz davor erinnert an den Kapitolsplatz in Rom.
Die Pilaster des Ruccelai und die rustizierte Gebäudeform des Pitti sind in unserem Erinnerungsgedächtnis verankert, sei es nun sozial, kulturell oder kollektiv.
Italienische Renaissance ist ein Teil unseres europäischen Bildungsgedächtnisses.
Aber soll das gelesen werden?
Wollte Klenze eine solche Art von Entschlüsselung?
Wir wissen es nicht. Warum hätte er es wollen sollen?
Vielleicht weil damit bewiesen wäre, dass seine Betrachter kunsthistorische Vorbildung haben? Weil er seine eigene Bildung zeigen wollte?
Ob er gedacht hat, wie Umberto Eco, der uns in seinem Buch Nachschrift zum Namen der Rose eine ausführliche Erläuterung gibt, wie der Text des Liebesaktes am dritten Tag des Buches der Name der Rose zusammengesetzt ist, welche Zitate es gibt und wie sie verarbeitet wurden.
Eco erklärt sehr genau, aus was für historischen Textteilen die Passage besteht.
Wird durch unser Wissen darum die Szene besser?
Eco behauptet das gar nicht. Er behauptet, es gebe eine Art Erfahrung, die sich mitteilt.
Ein Erleben, das sich aus der ungeheuren Dichte der kulturellen Verknüpfungen, die sich in dem Text manifestieren, ergibt.
Eco nutzt die Textstellen und damit die eigene Bildung zur Herstellung der Szene.
Die Intertextualität ist Teil der Technik, die zu diesem Text führt, einmal hergestellt hofft Eco aber, dass sich die Dichte zeigt, die kulturell angelegt ist und nicht, dass die Machart gelesen wird.
Er hofft auf eine Erfahrung, nicht auf eine Entschlüsselung.
Das heißt: Um eine Erfahrung zu evozieren, muss man auf bekannte Erfahrungen zurückgreifen. „Architektur, das sind die Architekturen“, sagt Aldo Rossi und mehr noch, auch Adolf Loos meint in einem Aufsatz:
„Die architektur erweckt stimmungen im menschen. Die aufgabe des architekten ist es daher, die stimmung zu präzisieren.
Der architekt kann das nur erreichen, wenn er bei jenen gebäuden anknüpft, die bisher im menschen diese stimmung erzeugt haben.“
Hier geht es um Unmittelbarkeit
Unmittelbarkeit meint hier etwas, das durch keinen Prozess und keine anderweitige Erklärung verständlich gemacht werden muss. Etwas, das sich in seiner Ursprünglichkeit mitteilt.
Im Gegensatz dazu hat Lesen mit Wissen zu tun.
Goethe sagt man sieht nur, was man wisse.
Genauer, er sagt sogar: Man erblickt nur, was man schon weiß.
Das ist sozusagen die Idee, die nur dem bereits Wissenden Erleben zuspricht.
Hier steht unmittelbare Erfahrung gegen wissendes Erkennen.
Aber das Wissen, von dem Goethe spricht, was ist das anderes als eben die Erinnerung an etwas, das wir bereits kennen?
Erinnerung ist multimediales Wiedererleben und Bewusstwerden bereits gemachter Erfahrungen, Erinnerung an etwas uns bekanntes.
Und noch viel wichtiger: Auch alles unmittelbar Erlebte wird wiederum an etwas erinnern.
Sei es individuelle Erinnerung oder sei es Erinnerung als Teil einer Erinnerungsgemeinschaft: Alles wird an etwas erinnern. Wir können nur sehen, was wir erinnern. Nur die einzelne gespeicherte und abrufbare Gedächtnisspur macht das Erkennen möglich. Etwas, das an nichts erinnert, können wir nicht sehen.
Es ist nicht möglich, nicht zu erinnern.
Aber natürlich: Ein Ereignis, ein Phänomen, das mehrere Menschen am selben Ort zur gleichen Zeit wahrnehmen, wird nicht von allen gleich erinnert. Jeder Mensch nimmt andere, für ihn bedeutsame Ausschnitte der Wirklichkeit wahr und gibt ihnen auf Grund seiner bisherigen Erfahrungen Sinn.
Unsere Individualität ist nicht zuletzt das Ergebnis dieser unterschiedlichen Erinnerungen.
Dabei ist die Erinnerung selbst genauso selektiv wie die Wahrnehmung.
Das heißt, was für den einen lesbar ist, muss dem anderen unverständlich bleiben. Was sich dem einen erklärt, kann der andere nicht entschlüsseln.
Dennoch wird auch alle Architektur an etwas erinnern, aber diese Erinnerung ist eben nicht ein gefestigtes Symbol oder Zeichensystem, das der Entschlüsselung harrt.
Die Erinnerung trägt dem Umstand Rechnung, dass die Dinge nicht gleichförmig in das Gedächtnis übernommen wurden.
Die unterschiedlichen Erfahrungen beschreiben die unterschiedlichen Positionen in dem Gewebe, mit dem alles zusammenhängt. Positionen in dem Netz, das wir die Welt nennen.
Klenze war Klassizist. Ich glaube dennoch, dass Klenze dieses Verständnis, die direkte Lesbarkeit von Ruccelai und Pitti, nicht wichtig war. Vermutlich hat er die Möglichkeit einer Entzifferung seiner Referenzen eher billigend in Kauf genommen.
Natürlich waren das seine Erinnerungen und die seines Königs, in Wirklichkeit ging es aber nicht um die einzelne Lesbarkeit des Gebäudes, sondern es geht darum, was sich in dem Gebäude zeigt.
Da geht es um Italianità, um Renaissance, um den Traum einer besseren, verwissenschaftlichten Welt, um ein aufgeklärtes Herrschertum, um König Ludwig I als den mäzenatischen König, der München zur kulturellen Hauptstadt von Teutschland machen will,
es geht um Kunst und Kultur, es geht um die Idee der nördlichsten Stadt Italiens.
Alles das kann man nicht lesen, aber es zeigt sich. Das Gebäude offenbart dies – bis heute.
Intertextualität oder Interreferenzialität beschreibt die komplexe Verknüpfung von architektonischen Referenzen, von Erinnerungen und Bedeutungen, die zwischen unterschiedlichen Medien und kulturellen Ausdrucksformen entsteht.
Sie zeigt, wie Werke über ihre Grenzen hinweg miteinander kommunizieren, neue Bedeutungen schaffen und den kulturellen Dialog erweitern.
Und dennoch: Einmal hergestellt ist Architektur kein Text, den man lesen kann. Eher gleicht Architektur einer Art Kalligraphie, die nur eine Ahnung davon gibt, was in dem Text steht, der ihr als Grundlage dient. Eine Kalligrafie, die offenbart, was zu Ihrer Entstehung geführt hat, nicht welcher Text ihr zugrunde liegt.
Wie die Kalligrafie wird die Architektur zusammengesetzt aus erinnernden Stücken, aus Referenzen, die von bereits dagewesenen Bezügen berichten, die zu neuen Beziehungen zusammengestellt werden. Der Architekt muss, wie Loos das sagt, auf Bekanntes zurückgreifen, um das Gebäude zu produzieren. Er braucht eine Kenntnis der Bezüge zur Produktion des Gebäudes, sozusagen ein Verfahren, wie Architektur erzeugt wird.
Alles künstlerische Schaffen teilt sich in die Herstellung und die Wahrnehmung des Hergestellten, aber das sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge.
Der Rezipient mag sich für die Produktion interessieren oder nicht, der Produzent mag sich für die Entschlüsselung interessieren oder nicht.
Die Erfahrungen macht jeder allein, das fertige Haus produziert die Erinnerungen selbsttätig ohne den Produzenten. Es produziert sie im Rezipienten ohne Zutun des Produzenten.
Das, was das Gebäude zeigt, ist eben nicht der Herstellungsprozess, sondern das Gebäude lässt uns Dinge erfahren, die wir mit unseren eigenen Erinnerungen verknüpfen. So gesehen erschaffen wir das Gebäude in uns neu, weitgehend unabhängig vom Architekten.
Das Haus selbst ist die Erinnerungsmaschine, die uns hilft, dem Gebäude eine individuelle Position in unserem Netz zu geben und so in unserem eigenen Erleben zu erfahren.
Das Intertextuelle ist der Beginn der Architektur, nicht das Ende
Entworfen wird intertextuell damit sich etwas zeigt, aber es wird nicht entworfen, dass sich das Intertextuelle zeigt,
Das Intertextuelle verschwindet aus der Architektur wie die Lesbarkeit aus der Kalligraphie und macht einem Zeigen Platz.
Mehr noch: Die Idee zeigt sich genau in dem Moment, in dem die Lesbarkeit verschwindet.
Wir glauben, dass wir einen Platz in der Welt haben, von dem aus wir uns erinnern, aber die Erinnerung ist es, die uns einen Platz in der Welt zuweist.
Einen Platz, von dem aus wir erfahren, nicht was die Texte bedeuten, sondern was all die Kalligraphien, die uns umgeben, zeigen.
„Was sagt‘ denn eine Dichtung?
Was teilt sie mit?
Sehr wenig dem, der sie versteht.
Ihr Wesentliches ist nicht Mitteilung,
nicht Aussage“
Walter Benjamin
Vielen Dank!