Vortrag Graz Stadthaus
Norm – Konform
Über Normalität, Umbau und die politische Natur des Bauens
Sobald wir über Normen sprechen, müssen wir uns auch über die verwandten Begriffe „Normieren“ und „normal“ verständigen. Normieren bedeutet, bestimmte Gegebenheiten so zu gestalten, dass sie einer Norm entsprechen. Wird dieser Vorgang erfolgreich vollzogen, erscheint uns das Ergebnis im besten Fall als normal.
Gerade darin liegt die eigentliche Macht von Normen: Sie wirken meist unsichtbar. Solange sie funktionieren, nehmen wir sie kaum wahr. Sie organisieren unseren Alltag, strukturieren unsere Umwelt und beeinflussen unsere Entscheidungen, ohne dass wir uns dessen ständig bewusst wären. Das Normale erscheint uns selbstverständlich — und genau deshalb wird selten hinterfragt, wie es eigentlich entstanden ist.
Dabei sind weder Normen noch Vorstellungen von Normalität naturgegeben. Sie existieren nicht unabänderlich, sobald sie einmal formuliert wurden. Vielmehr werden sie permanent angepasst, verändert und neu verhandelt. Gesellschaftliche Entwicklungen, technische Innovationen, politische Interessen oder moralische Verschiebungen führen dazu, dass sich Normen laufend verändern. Was gestern als angemessen galt, kann heute bereits als unzureichend oder sogar problematisch erscheinen.
Die meisten dieser Prozesse vollziehen sich nahezu geräuschlos. Solange wir den Eindruck haben, dass Normierungen unserem Schutz oder unserem Komfort dienen, begegnen wir ihnen meist neutral oder sogar zustimmend. Wer wäre schon dagegen, dass ein Balkongeländer Kinder am Herunterfallen hindert oder ein Handlauf durchgehend Halt bietet? Im Gegenteil: Wir empfinden es als beruhigend, dass solche Dinge geregelt sind. Normen erzeugen Sicherheit — im direkten wie im übertragenen Sinn.
Erst wenn wir den Eindruck gewinnen, dass sich Normen gegen unsere Interessen richten oder in Lebensbereiche eindringen, die wir bislang als frei empfunden haben, beginnen wir aufmerksam zu werden. Dann wird sichtbar, dass Normen keineswegs bloß technische Regelwerke sind, sondern Ergebnisse gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Plötzlich werden wir selbst Teil dieser Verhandlungen.
Grundsätzlich gilt dies für nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Im Bereich des Bauens — und insbesondere des Umbaus — treten diese Konflikte jedoch besonders deutlich hervor.
Das liegt zunächst daran, dass Gebäude außerordentlich langlebige Objekte sind. Ein Haus überdauert oftmals mehrere Generationen und wird dadurch im Laufe seines Bestehens mit völlig unterschiedlichen Normsystemen konfrontiert. Gebäude, die unter den Bedingungen einer bestimmten Zeit entstanden sind, müssen Jahrzehnte später Anforderungen erfüllen, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung noch gar nicht existierten.
Konflikte sind dabei unvermeidlich.
Ein Altbau wird plötzlich an Brandschutzvorgaben gemessen, die ursprünglich für hochkomplexe Neubauten entwickelt wurden. Energetische Standards treffen auf historische Konstruktionen. Anforderungen an Barrierefreiheit kollidieren mit räumlichen Gegebenheiten, die nie dafür vorgesehen waren. Komforterwartungen verändern sich. Sicherheitsstandards steigen kontinuierlich.
Der Umgang damit erfolgt häufig über Konstruktionen wie Bestandsschutz, Übergangsregelungen oder Ausnahmegenehmigungen. Solche Instrumente sind notwendig, lösen das eigentliche Problem aber nur vorübergehend. Sie nehmen bestimmte Konflikte zeitweise aus der Diskussion heraus, ohne die grundlegenden Widersprüche zu beseitigen. Tatsächlich kehren diese Konflikte meist umso komplexer zurück.
Gerade darin zeigt sich, dass Normen keine neutralen technischen Instrumente sind, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Prioritäten.
Und genau diese Prioritäten geraten angesichts der ökologischen Krise zunehmend unter Druck.
Denn ohne jede Frage wird Umbauen das Bauen der Zukunft sein. Schon aus ökologischen Gründen müssen wir versuchen, die Lebensdauer bestehender Gebäude massiv zu verlängern. Die Vorstellung, Gebäude nach wenigen Jahrzehnten abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen, wird angesichts von Ressourcenverbrauch, CO₂-Ausstoß und Flächenverbrauch nicht länger haltbar sein.
Damit aber geraten Bestandsgebäude zwangsläufig immer wieder in neue Wellen der Normierung.
Der Umbau wird dadurch zum permanenten Verhandlungsprozess zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dabei geht es keineswegs nur um technische Sicherheitsfragen. Auch unsere ökonomischen Bewertungsmaßstäbe sind normiert.
Die Art, wie wir Baukosten berechnen, erscheint uns heute selbstverständlich — ist aber ebenfalls Ausdruck gesellschaftlicher Setzungen. Im Regelfall wird die Wirtschaftlichkeit eines Umbaus direkt mit einem Neubau verglichen. Dabei bleiben jedoch entscheidende Faktoren unberücksichtigt: die bereits im Gebäude gebundene graue Energie, die vorhandenen Materialien, die investierten Ressourcen und die ökologischen Kosten des Abrisses.
Solange diese Aspekte nicht systematisch eingerechnet werden, wird der Neubau nahezu zwangsläufig wirtschaftlicher erscheinen als der Umbau.
Gerade darin liegt ein fundamentaler Widerspruch unserer gegenwärtigen Baupraxis: Gesellschaftlich gilt der Erhalt von Gebäuden zunehmend als sinnvoll und notwendig, kalkulatorisch jedoch wird er oft benachteiligt oder nahezu unmöglich gemacht.
Tatsächlich bleibt der Umbau deshalb häufig auf denkmalgeschützte Gebäude beschränkt. Dort zwingt allein der kulturelle Wert des Bestands dazu, andere Abwägungen vorzunehmen. Genau deshalb treten die Konflikte zwischen unterschiedlichen Normsystemen im Bereich der Denkmalpflege besonders offen zutage.
Doch die dort geführten Debatten sind vermutlich nur Vorboten einer viel größeren gesellschaftlichen Diskussion.
Denn unsere Bauordnungen sind bis heute fast vollständig auf den Neubau ausgerichtet. Das war nachvollziehbar, solange Umbau eine Ausnahmeerscheinung darstellte. Wenn Umbauen jedoch künftig zum Normalfall werden soll, ist es schlicht unrealistisch, standardmäßig dieselben Anforderungen anzulegen wie an einen Neubau.
Die Konsequenz daraus wäre eigentlich offensichtlich: Wir benötigen eigene Normsysteme für den Umbau. Eine eigenständige Umbauordnung wäre keine Sonderregelung, sondern Ausdruck einer neuen baulichen Realität.
Dabei geht es keineswegs nur darum, Umbauten günstiger zu machen. Entscheidend ist vielmehr, dass sich im Neubau grundsätzlich andere Normen durchsetzen lassen als im Bestand.
Ein Neubau kann von Beginn an auf aktuelle Anforderungen optimiert werden. Ein Umbau dagegen arbeitet mit vorhandenen Strukturen, räumlichen Einschränkungen und materiellen Bedingungen. Genau darin liegt aber auch sein kultureller und ökologischer Wert.
Deshalb muss die Frage erlaubt sein: Ist es tatsächlich sinnvoll, an ein umgebautes Gebäude dieselben Anforderungen zu stellen wie an einen Neubau?
Diese Frage wirkt zunächst harmlos, berührt aber in Wahrheit fundamentale gesellschaftliche Konflikte.
Wenn wir beispielsweise maximale Sicherheit zum absoluten und konkurrenzlosen Entscheidungskriterium erklären, ohne andere Werte dagegen abzuwägen, wird eine höhere Umbaurate kaum erreichbar sein. Natürlich ist Sicherheit wichtig. Aber ist es wirklich sinnvoll, dass die Länge von Rauchabschnitten im Umbau grundsätzlich identisch mit jener eines Neubaus sein muss? Müssen historische Gebäude tatsächlich denselben energetischen Komfort bieten wie Neubauten? Und welche Kosten wären wir als Gesellschaft bereit zu tragen, um Altbauten vollständig „neubaugleich“ zu machen?
Denn jede Entscheidung hat Konsequenzen.
Das Geld, das in die technische Perfektionierung einzelner Gebäude investiert wird, fehlt an anderer Stelle. Jede Normierung bevorzugt bestimmte Werte und verdrängt andere. Sicherheit, Komfort, Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, kulturelle Kontinuität oder ästhetische Qualität stehen deshalb nicht selten in Konkurrenz zueinander.
Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung: Diese konkurrierenden Interessen sichtbar zu machen und offen gegeneinander abzuwägen.
Besonders deutlich wird das im Umgang mit Denkmalen. Auch dort wäre es falsch, historische Bausubstanz einfach unangetastet konservieren zu wollen. Gebäude haben sich immer verändert. Städte sind niemals statisch gewesen.
Die berühmten Feuertreppen an den New Yorker Lagerhäusern etwa erscheinen uns heute als selbstverständlicher Bestandteil ihrer ikonischen Ästhetik. Zum Zeitpunkt ihrer Errichtung wurden sie vermutlich eher als massive ästhetische Zumutung wahrgenommen — als brutale Eingriffe in bestehende Fassadenordnungen. Damals wurde ganz offensichtlich die Sicherheitsfrage höher bewertet als die Frage architektonischer Schönheit.
Heute lesen wir genau diese Eingriffe als atmosphärischen Bestandteil des Stadtbildes.
Daraus lässt sich allerdings nicht schließen, jede Zerstörung ästhetischer Werte werde mit genügend zeitlichem Abstand automatisch schön. Eine solche Haltung wäre ebenso naiv wie gefährlich. Entscheidend ist vielmehr, sinnvolle Abwägungsprozesse zu organisieren, in denen konkurrierende Werte überhaupt sichtbar und verhandelbar werden.
Dafür müssen wir uns vermutlich von manchen unhinterfragten Hierarchien verabschieden, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Sicherheit, Komfort, Wirtschaftlichkeit oder Ästhetik sind eben keine absoluten Größen. Sie sind einzelne Interessen innerhalb einer größeren gesellschaftlichen Verhandlungsmasse.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, welche Norm „richtig“ ist. Entscheidend ist vielmehr, welche Werte wir als Gesellschaft jeweils priorisieren wollen — und warum.
Erst wenn wir bereit sind, diese Diskussion offen zu führen, kann eine sinnvolle Auseinandersetzung über zukünftige Normen des Umbaus beginnen.