„Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich“
Ludwig Wittgenstein
Zeit ist eine ziemlich abstrakte Fragestellung, das merkt man schon daran, dass es irgendwie schwierig ist sich eine genaue Vorstellung davon zu machen.
Was tun?
Man macht sich also eine modellhafte Vorstellung… und wie der Begriff modellhaft schon andeutet ist diese Vorstellung erstaunlicherweise räumlich…
Denn Zeit kann man verstehen als eine Folge von Anwesenheiten oder vielleicht sogar besser von Abwesenheiten
Dabei wird von dem Anwesenden also dem, was wir mit Jetzt bezeichnen, das vergangene Anwesendsein und das zukünftige Anwesendsein also die Vergangenheit und die Zukunft letztlich als Abwesenheiten unterschieden.
Auch wenn beispielsweise Heidegger das als vulgäres Zeitverständnis ablehnt, nehmen wir meist an, die Zeit sei eine Linie auf der Ereignisse, also die Anwesenheiten in einer nicht umkehrbaren Richtung ablaufen.
Auch Architektur entsteht auf dieser Zeitlinie … sie entsteht aus im jetzt anwesenden Idee, die zu einem einem Projekt führt, das noch abwesend ist… sehr schön verdeutlicht in dem französischen Begriff projeter…
vorauswerfen … Entwurf.
Auf dieser Zeitlinie ist die Idee dem Projekt vorgeordnet …
der Idee wiederum vorgeordnet ist das, worauf die Idee Bezug nimmt, ….
satt Bezug könnte man auch Referenz sagen von „lateinisch referre“ sich auf etwas beziehen, von etwas Abwesendem berichten.
Architektur muss immer auf etwas Bezug nehmen das schon da ist, das Projekt nimmt Bezug auf die Idee… die Idee nimmt Bezug auf eine Referenz.
Das Projekt erscheint auf der Zeitachse immer nach der Idee und und die Idee natürlich nach der Referenz.
Es gibt also eine zeitliche Lücke zwischen dem Rückbezug der Idee auf ihre Referenz und ebenso eine zeitliche Lücke zwischen der Idee und dem Projekt.
Bazon Brock verortet in diesem Bereich, was er ästhetische Differenz nennt.
Die Differenz von Bedeutung und Vergegenständlichung,
von Gedanke und Sprache,
von Konzept und Realisierung bleibt unaufhebbar“ sagt er
Diese Differenz ist an sich nicht zuletzt eine zeitliche Differenz und diese Differenz ist glaubt man Brock eben nicht überbrückbar.
Populär gesagt ist das nichts anderes, als wenn man erkennt etwas wird nie genauso wie man es im Kopf hatte.
Das ist zwar ärgerlich, aber an sich wirkt sich das beim Herstellen von Architektur kaum aus.
Wir haben uns daran gewöhnt diese Differenz mit Bauherrn, mit Technik, mit Budget und was auch immer zu erklären.
Einzig die Rekonstruktion unternimmt den Versuch die ästhetische Differenz zum Verschwinden zu bringen …
Sie versucht dies, indem sie behauptet die Idee sei mit der Referenz und dem Projekt zur Deckung zu bringen.
Referenz Idee und Projekt fallen sozusagen in einem Punkt zusammen,
Referenz Idee und Projekt sind identisch.
Gedanklich ist das eine ausserordentlich interessante Vorstellung der Einfluss der Zeit wird dabei nämlich zum Verschwinden gebracht.
Auch die ästhetische Differenz würde aufgehoben.
Es macht manchmal Sinn solche Fragen von den Extremen her zu denken.
Ich kann Ihnen ein schönes Beispiel anbieten:
Der argentinische Autor Jose Louis Borges macht diese temporale Differenz zum Thema seiner Kurzgeschichte „Paul Menard Autor des Don Quijote“
Borges berichtet darin über einen fiktiven Schriftsteller namens Paul Menard der 1918 lebte und der den Don Quijote schreiben wollte
Borges schreibt:
Er wollte nicht einen anderen Quijote verfassen, was leicht ist —-, sondern den Quijote. Unnütz hinzuzufügen, daß er keine mechanische Übertragung des Originals ins Auge faßte; einer bloßen Kopie galt nicht sein Vorsatz. Sein bewundernswerter Ehrgeiz war vielmehr darauf gerichtet, ein paar Seiten hervorzubringen, die — Wort für Wort und Zeile für Zeile — mit denen von Miguel de Cervantes übereinstimmen sollten
Die Methode, die er sich ursprünglich ausdachte, war verhältnismäßig einfach. Gründlich Spanisch lernen, den katholischen Glauben wiedererlangen, gegen die Mauren oder gegen die Türken kämpfen, die Geschichte Europas im Zeitraum zwischen 1602 und 1918 vergessen, Miguel de Cervantes sein. Pierre Menard ging diesem Verfahren auf den Grund schob es aber als zu leicht beiseite
Auf irgendeine Art Cervantes zu sein und zum Quijote zu gelangen, erschien ihm weniger schwierig — infolgedessen auch weniger interessant — als fernerhin Pierre Menard zu bleiben und — durch die Erlebnisse Pierre Menards — zum Quijote zu gelangen
Den Quijote zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts verfassen, war ein begründbares, notwendiges, vielleicht schicksalhaftes Unterfangen: zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist es nahezu unmöglich. Nicht umsonst sind seitdem dreihundert Jahre voll der verwickeltsten Tatsachen vergangen, unter ihnen, nur um eine zu nennen, eben der Quijote.»
Der Text Menards und der Text Cervantes’ sind Wort für Wort identisch; doch ist der zweite nahezu unerschöpflich reicher.
Das interessante ist, dass sich der Text nicht durch die Buchstaben verändert, sondern aufgrund der Zeit, die zwischen den beiden Fassungen vergangen ist.
Die zeitliche Differenz zwischen der Referenz des Quijote von cervantes und dem Projekt Quijote von Menard führt also genau genommen zu einer inhaltlichen Anreicherung des ursprünglichen Textes obwohl oder weil sich der Text nach den Buchstaben nicht unterscheidet.
Sondern nur aufgrund der verstrichenen Zeit. Fast unnötig zu sagen, dass Menard das nicht komplett schafft und Menards Quijote ein Fragment bleibt.
Auf Architektur übertragen berührt das eine Unmenge von Debatten über den Autor über die Lesbarkeit des Werkes nicht zuletzt natürlich eben auch die Rekonstruktionsdebatte.
Es besagt nämlich, dass allein aufgrund der verstrichenen Zeit eine Rekonstruktion eine Veränderung zu ihrer Referenz erfährt, dass eine Rekonstruktion niemals eine Wiederholung sein kann, sondern allein aufgrund der verstrichenen Zeit etwas komplett anderes ist.
Keine Sorge ich werde jetzt nicht in die Schlossdebatte einsteigen, wenngleich man mit dieser Überlegung zeigen könnte, dass der Streit um die Rekonstruktion und insbesondere ihrer Zulässigkeit an sich gegenstandslos ist.
Ein Kampf gegen Windmühlen wie es im Don Quijote so schön beschrieben ist.
Der Erneuerungsprozess einer Stadt hat insbesondere in den historisch
gewachsenen Quartieren häufig eine rekonstruktive Komponente. Die planungsrechtlichen Vorgaben machen oft gar nichts anderes möglich als der Bestand vorher schon darstellte.
Wir bauen an den gleichen Stellen, auf den gleichen Grundstücken häufig mit den gleichen Nutzungen meistens auch das gleiche Volumen, oft mit den gleichen Materialien, Stadt verändert sich nur langsam, die Stadt wird so aus der Stadt heraus immer wieder neu gebaut…
Stadt ist an sich sehr oft bemüht, die ästhetische Differenz zu minimieren.
Vielleicht könnte das sogar eine Art Definition von Stadt sein… die ästhetische Differenz zu minimieren.
Unser Projekt in der Weinstrasse in München reflektiert diese Frage,
was ist da vorher gewesen,
letztlich stellt es die Frage wie verändert sich Stadt,
welchen Einfluss hat die Zeit auf unseren Blick auf die Stadt,
was bedeutet diese Art der Rekonstruktion der Stadt?
Ist das überhaupt möglich : Rekonstruktion?
Ist das zulässig: Rekonstruktion?
Es gibt ein Grundstück mit einer im Krieg zerstörten Gründerzeitbebauung in den 50 igern…
neu bebaut in den 80 igern halb abgerissen und umgebaut …
nun komplett abgerissen und neu zu bebauen…
Das Grundstück ist im Wesentlichen das gleiche die Nutzung im
EG Retail oben Praxen Büros
Die Stelle ist sehr prominent in der Stadt . . . und die Stadt sah historisch vor dem Krieg ganz anders aus… welche Stadt soll da gebaut werden?
München ist nach der Kriegszerstörung in einer Art ländlichem Biedermeier wieder aufgebaut worden … das München des Wiederaufbaus ist nicht das München von von dem gesagt wird „München Leuchtet“ wobei Thomas Mann das das so gar nicht gesagt hat in der Novelle „Gladius Dei“ kommt der Satz vor „München leuchtete“ … für diese Stelle ist das auch auch viel zutreffender „München leuchtete“
München hatte vor der Zerstörung durchaus etwas Mondänes …
etwas Luxuriöses … etwas Weltstädtisches … ganz anders, wie es sich im Wiederaufbau präsentiert.
Es gibt dieses Bild von dieser Strasse … Jugendstil … Pracht… Maximilianstil … einzelne Häuser gibt es noch. Aber der Wiederaufbau hat zwar die Parzelle erhalten den Ausdruck von München aber komplett verändert…
Es gibt eine Zeichnung der Fassade des Vorgängerbaus.
Die Referenz ist also nicht das Vorgängergebäude … auch nicht das Vor-Vorgängergebäude …
die Referenz ist die Zeichnung des Vorgängerbaus …
das Thema ist so gesehen die Rekonstruktion des Vorgängerbau aus seiner Zeichnung.
Das Konzept wir bauen eine Zeichnung offenbart seine ästhetische Differenz spätestens, wenn man die Zeichnung mal genau anschaut …
Die Zeichnung muss interpretiert werden schon alleine das verändert sie vollkommen …
genauso machen, wie die Zeichnung ist natürlich naiv …
das geht gar nicht
schon deshalb nicht,
… weil die Zeichnung beispielsweise zusammenhängen muss …
… weil die Zeichnung an vielen Stellen unscharf ist, …
… weil gar nicht klar ist wie die Dinge zu interpretieren sind.
Dennoch so etwas ist nur möglich, wenn man an die zeitüberbrückende Kraft glaubt …
Die technische Umsetzung der Zeichnung führte zu einem Sgraffito
Ein bisschen so wie diese Wachsmalkreidenbilder der Kinder bei denen alles schwarz übermalt wird und dann mit so einem kleinen Werkzeug wieder herausgekratzt wird.
Es entsteht eine art dreidimensionale Reflexion der Zeichnung
Dabei ist klar, dass die ästhetische Differenz einen Unterschied macht …
Die technische Bearbeitung…
Die technische Umsetzung
Das Relief wird auf 10 mm zusammengezogen.
Film
Farbigkeit Ziegelrot Kalk und Ruß sind die alten Farben von Sgraffitto
Auf der Rückseite gibt es eine einfachere Variante
Dort wurde nur einmal die Papierschablone weiss überputzt
Der Sprung ist konzeptionell auf einer ehemaligen Grundstücksgrenze, aber das spielt eigentlich keine Rolle…
Die Rückfassade ist sozusagen der arme Bruder der Frontseite
Dass der FCBayern dort eingezogen ist ist reiner Zufall das ist nur der Nutzer ….
Dennoch glauben Alle dass sich der FCBayern da etwas besonderes geleistet hat … dabei hat das gebäude damit nichts zu tun passt aber dennoch ganz gut
Wie ist das jetzt mit der Rekonstruktion darf man das ?
Ist das zulässig Rekonstruktion?
Selbstverständlich ist es zulässig … es ist halt nur unmöglich…
Vielen Dank!